11 Regeln müsst ihr sein
Man hört das bei jedem internationalen Fußballturnier aufs Neue: “Ich guck jetzt mehr Fußball, das macht voll Spaß!” Im Grunde ist das etwas Gutes, wenn sich diese Menschen auch daran halten würden und sich nicht gleich Fußballfan schimpfen, nur weil sie sich Länderspiele im Fernsehen angucken oder über Beziehungen Karten für das Derby ergattern konnten. Zum Fan sein gehört mehr. Viel mehr. Und es gibt Regeln, die es nicht zu brechen gilt. Fußballfan zu sein bedeutet, seine Hausaufgaben zu machen und immer auf ein Diktat vorbereitet zu sein. Auch das ist irgendwie Sport.
Nr. 1: Lerne! die! Regeln!
Ein Abseits zu erklären ist längst kein Beweis mehr, dass man weiß, wo der Frank den Rost holt. Der Linienrichter hat die Fahne meist schon oben, bevor auch Uschi aus der Küche “Das’ Abseits!” brüllt. Eindruck schindet man nur, wenn man weiß, dass der Schiri hätte Pfeifen müssen und das, bevor der Kommentator deine Aussage wortwörtlich überholt. Es gibt nicht nur Regeln, sondern auch Ausnahmefälle. Ein Handspiel ist nicht gleich ein Handspiel und ob der Ball mit dem Durchmesser oder dem Umfang über die Linie rollen muss, kann dir im Ernstfall das Bier bezahlen.
Für Anfänger: Die Fußballregeln lernen und den Spickzettel gut unter dem Schal verstecken.
Nr. 2: Know Your Enemy!
“Ey, Bayern ist scheißö!” ist leicht gebrüllt und findet beim besoffenen Sitznachbar in der S-Bahn bestimmt viel Anklang. Aber jedes Spiel, jedes Derby wird vorher in den Köpfen der Fans entschieden. Da wird vor dem Stadion mit Freunden und Fremden diskutiert, die mögliche Aufstellung analysiert und die Statistiken der letzten 30 Jahre ausgewertet. Wer seine Meinung zwar äußert, aber nicht belegen kann, wird schnell als Mitläufer enttarnt und wird vor dem Spiel schon zum Bierduschen geschickt.
Aufgepasst: Wer bei “Wippen” an einen Spielplatz denkt, sollte in Zukunft mit dem Auto zum Stadion fahren.
Nr. 3: Auch ein Krieg hat seine Gesetze
Seinen Erzrivalen hasst man immer, keine Frage. Schon beim Lesen des Namens tanzt deine Galle Samba an der Eckfahne. Aber echte Sportsmänner tragen ihre Rivalität nur an Spieltagen aus. Das heißt: Morgens wird sich schon unter der Dusche warmgebrüllt und auf dem Weg ins Stadion das Gesocks bepöbelt, damit es sich so richtig willkommen fühlt in deiner Stadt. Sollte dir aber beim Einkaufen an einem sonnigen Donnerstag mal ein Bremer oder ein Cottbusser über den Weg laufen, lass ihn am leben. In vertrauten Umgebungen (Kneipe, Tresen, Schankwirtschaft) können so sogar bierselige Diskussionen mit anschließend gemeinsamer Restalkoholverwertung zustande kommen.
Bonusregel: Bei Schalke-Fans tritt eine Ausnahmeregel in Kraft, welche sieben Tage die Woche gilt.
Nr. 4: Wasche niemals, unter keinen Umständen, deinen Schal!
So wie ein Metal-Fan seine Kutte nicht wäscht und auf Festivals nicht duscht, so landet der Schal eines Fußballfans niemals in der Buntwäsche. Der Biergeruch, die Senfflecken von der Stadionwurst und die abgerissenen Fransen dokumentieren Auswärtsfahrten, Meisterfeiern, Abstiegstraumata und Heimsiege gegen den Tabellenersten. Wer seinen Schal wäscht, bügelt auch Konzertkarten.
Schlupfloch: Bei Trikots gibt es eine Ausnahmeregelung (Waschmarken sind beim Capo einzufordern).
Nr. 5: Leg deinen Arm auf die Schulter der Geschichte
Wie schon bei den Regeln gilt auch hier: lernen, lernen, lernen! Nur weil Du 1974 nicht dabei gewesen ist, heißt es nicht, dass dich das nicht zu interessieren hat. Ein echter Fan kennt nicht nur den Bomber, den Kaiser und den Dicken. Er weiß die Schönheit des Prager Nachthimmels zu schätzen und auch, warum man in Algerien besser nicht mit einem DFB-Trikot auf dem Bazar um kabylische Schrumpfköpfe feilscht. Die Geschichte des deutschen Fußballs wurde geprägt durch Erfolge und Jahrhundertspieler. Sie hat Maßstäbe gesetzt und hat dafür gesorgt, dass uns heute immernoch jeder hasst, aber genauso fürchtet. Sie zu kennen ist nicht nur ein Geschenk, sondern auch eine Waffe gegen Halbwisser beim Public Viewing.
(Überlebens)Wichtig: Engländer interessieren sich grundsätzlich nicht für deine Version der Weltgeschichte. Versuch gar nicht erst, sie zu überzeugen. Lass es einfach. Wirklich.
Nr. 6: Abschalten!
Natürlich nicht den Fernseher, Du Pfosten! Wenn Du ins Stadion gehst, dann mach den Kopf aus. Vergiss Styling-Regeln und die feine Schule. Trink Bier, hör die Scheißmusik am Bierstand und sing verdammt nochmal mit! Der Fußball rettet uns alle vor dem strengen Alltag und wenn man einen grünen Rasen mit weißen Linien sieht, dann bedeutet das nur eins: Wochenende! Bei Tageslicht betrunken sein dürfen, Kuttenträger belächeln und sich insgeheim ärgern, damals nicht selber eine angefangen zu haben. Niemand im und um Stadion interessiert sich für deine Burberry-Handschuhe oder deine Herrlicher-Jeans – Textsicherheit vor Textilversiertheit!
Hinweis: Auch in Halbzeitpausen wird niemals umgeschaltet!
Nr. 7: Zu den Bayern geht man nicht!
Es ist egal, von welchem Verein man Fan ist (gut, die Bochumer sind da eine Ausnahme) und es ist egal, was der Spieler noch alles vor hat in seinem Leben: Ein Wechsel zum FC Bayern München bedeutet Hochverrat und wird mit sofortiger Missachtung bestraft. Alle vorigen Erfolge werden vergessen und wer behauptet, dass man das zu eng sieht und man einen Spieler ziehen lassen sollte, muss mal eins überlegen: Wenn es die Fans nicht kratzen würde, dann bräuchte man die Fans auch nicht. Der Verein hat die Spieler, aber die Fans haben das Herz. Und das bricht man nicht.
Ausnahmen: keine.
Nr. 8: Schau über den Mittelkreis!
Die Bundesliga ist spannend, aber nicht das Maß aller Dinge. Der beste Fußball wird in England und in Spanien gespielt und auch Italien spielt noch über unserem Niveau. Es wundert also nicht, dass kaum Spieler dieser Länder in unseren Ligen spielen, dafür umso mehr Deutsche ins Ausland wechseln wollen. Wer also seinen Fußball-Horizont erweitern will, kommt nicht an diesen vier Ländern vorbei. Wer Premiere hat, hat es leicht, dem ausländischen Fußball zu fröhnen. Für wen dies nicht in Frage kommt, sollte sich regelmäßig Spielberichte durchlesen, Transfers beobachten und sich vielleicht doch jemanden mit Premiere suchen.
Profi-Tipp: Im Gegensatz zur Bundesliga ist es bei ausländischen Ligen egal, welchen Verein Du bewunderst. Such dir am besten die Vereine mit den meisten Stars, um nicht nur den schönsten Fußball zu sehen, sondern auch bei der nächsten WM mit exzellentem Fachwissen auftrumpfen zu können (“Messi hat die letzten vier Spiele nicht mehr getroffen und ist gegen Villareal vom Platz geflogen, wegen seiner zweiten Schwalbe! War aber ein geiles Spiel.”). Superstich!
Nr. 9: Der Weg ist das Ziel
Fans des Eventfußballs gehen ins Stadion, weil sie Tore sehen wollen. Ein 5:4 wie bei Werder Bremen gegen Hoffenheim ist genau das, was sie unter Fußball verstehen. Aber ein Fan erkennt die Schönheit des Spiels an der Dramatik, den Spielzügen und den taktischen Einwechselungen des Trainers. Ein 0:0 ist am Ende vielleicht nicht befriedigend, aber es kann 90 Minuten ein 1:0 in der Luft liegen, das deine Nerven beinahe überspannt und am Ende liegen nicht nur die Spieler erschöpft aufm Rasen. Niemand weiß, wie das Spiel ausgehen wird und wenn in der 93. Minute das einzige Tor nicht gegeben wird, wirst Du vielleicht trotzdem das Spiel deines Lebens gesehen haben.
Wichtig: Nicht jedes Spiel mit Toren ist automatisch ein Augenschmaus.
Nr. 10: Wette niemals gegen deinen Verein!
Eigentlich erklärt sich diese Regel von selbst, aber in Zeiten von Sportwetten und geschobenen Spielen, die schon lange vor Hoyzer begannen, muss man einigen doch nochmal ins Gewissen reden. Wer die schnelle Mark auf Kosten des eigenen Vereins macht und gleichzeitig gegen den Wechsel seines Lieblingsspielers zu den Bayern pöbelt, der darf sich alles nennen, nur nicht einen Fußballfan. Wer im Schlachthaus sitzt sollte eben nicht mit Schweinen werfen.
Grad nochmal eben so: “Wetten, dass der Penner uns noch zwei Tore einschenkt?”
Nr. 11: Beschränke dich auf den Sport
Findest Du es auch irgendwie befremdlich, wenn Angela Merkel bei Länderspielen im Stadion hockt und vor dem Spiel abgelutschte und unpersönliche Prognosen äußert? Das liegt daran, dass Politik und Fußball einfach nicht zusammenpassen. Deshalb gilt: Beleidige die gegnerischen Fans, pfeif deren Spieler aus, verhöhne deren Vereinsgeschichte, aber lass deinen Frust niemals an der Nationalität oder Herkunft der Sportler aus. Nazischeiße gehört vielleicht in Rostock zum guten Ton, macht aber den Sport kaputt und, das ist das allerschlimmste, fällt am Ende immer auf den ganzen Verein zurück. Fußball ist ein Mannschaftssport, das gilt auch für die Fans. Und außerdem: Willkommen in 2009.