Im Viertel der untergehenden Sonne
Die Schanze lebt. Man spricht auch vom “Lebensgefühl Schanze”, zumindest wenn es nach der Immobiliengesellschaft FRIEDASchanze geht, die mit einem weiteren Neubauscheißhaus die liquide Kundschaft in Hamburgs Szeneviertel number one locken will. Es wird Arsch geleckt, wo es nur geht, damit soviele Juppies wie möglich den Weg auf den Pinneberg-Gedächtnis-Strich finden. So läuft dem Ahnungslosen quasi das Wasser im Mund zusammen, wenn dieser liest:
So sorgt diese Viertel dafür, dass das Gefühl von Zuhause auch vor der Tür nicht enden mag.
Die grüne Lunge des Kiez ist ihr Nachbar, der Schanzenpark. Er ist die Arena für sportliche und kulturelle Aktivitäten, für ein entspanntes Boule-Spiel mit Freunden bei untergehender Sonne oder zum Chillen mit dem Ipod im Ohr.
Klingt das nicht traumhaft? Allerdings fehlt der Absatz, den jeder Bewohner dort ohne zu zögern unterschreiben würde:
Mehrmals im Jahr treffen sich Autonome und Schaulustige, sowie Krawalltouristen vor der kultigen Roten Flora, um sich eine Schlacht mit der Polizei zu liefern und das ein oder andere Auto der Luxusklasse in Brand zu stecken. Wenn man Glück hat, kann man bei einem Spaziergang im Schazenpark bei Sonnenuntergang den ein oder anderen Drogendealer im Gebüsch erhaschen und mit ihnen einen gemütlichen Plausch halten. An der S-Bahn Sternschanze treffen Sie stets politisch engagierte Punker, die Ihnen die Fresse polieren, wenn Sie auch nur einen Fuß in den neueröffneten McDonalds setzen. Wer es prominenter mag, der sollte unbedingt mal bei Tim Mälzer vorbeischauen!
Die Schanze schreit quasi nach weiteren “hippen Maisonette-Wohnungen und coolen Penthouses”, wo sich Ex-Eppendorfer in einer ruhigen Lage (stark befahrene Kreuzung, unweit einer Schule) niederlassen können. Dass die Preise der umliegenden Gastronomie-Einrichtungen dem Gehaltsniveau der neuen Nachbarn angepasst werden müssen, versteht sich von selbst. Der Döner bei Pamukkale kostet ja auch erst 3,80 Euro. Da ist noch Luft nach oben. Dass dafür das alte Machwitz und der Schuster dran glauben mussten – geschenkt. Nach über zehn Jahren sollte man eh die Tapeten wechseln.
Ich freu mich auf weitere Stehkragen, die wahrscheinlich auch direkt nach dem Einzug Transparente in die Fenster hängen und für ein Nachtfahrverbot für Autos plädieren, damit Lucas-Leon und Samira-Pupsnase nachts in ihrem Himmelbett schlafen können. Und die neuen Mieter können sich schon auf die Kreativität der Ansässigen freuen, die gerne ihren neuen Nachbarn mit Farbbeuteln begrüßen.
Ein kleiner Insider-Tipp von mir: Am 1. Mai sind auf dem Schulterblatt voll viele Parkplätze frei. Unbedingt ausnutzen!
Lätti
Hehe ;-)
Stimmt, über FriedaSchanze bin ich in den einschlägigen Immobilien-Anzeigen auch schon gestolpert. Noch mehr hasse ich eigentlich nur die Planer, die sich den Mojo-Club unter ihre gierigen Nägel gerissen und dort an der Ecke Silbersack die gesichtslosen Ein-einhalb-Zimmer Yuppiewohnungen reingehauen haben!
… aber der Schuster ist ein Arsch. Schon immer gewesen. Bei dem is echt nicht schade, dass der von der Ecke weg is.
23. Juli 2009 um 22:10
paracuda
Hat der Schuster nicht sogar Drogen verkauft?
24. Juli 2009 um 11:09
Lätti
Keine Ahnung. Aber er hat keins meiner Schuh-Paare repariert. Egal was ich dort mit welchem Schaden hingebracht habe, er hat sie immer nur angeguckt, unfreundlich “lohnt sich nicht” gesagt und mir wieder mitgegeben. Dann bin ich zum Schuster in der Gurlittstr. und der hat mir wundersamer Weise alle diese Schäden repariert…
24. Juli 2009 um 11:44
paracuda
Das hatten wir ja schonmal das Thema. Meine Schuhe hat er auch mit den gleichen Worten abgelehnt. Und im Machwitz war ich auch nur einmal, irgendwann Mitter der Neunziger. Aber eine Kneipe mit Kicker ist mir lieber als ein Neubau voller Spasemacken.
27. Juli 2009 um 09:59
Mia
Du schreibst mir aus der Seele verdammt! Seit ich vergangenen Sommer die “hippe” Schanze verlassen habe, husche ich nur noch durch dieses Viertel. Mann, war das früher mal entspannt dort. Mittlerweile ist es nicht mehr zu ertragen. Wenn ich sehe, mit welcher Inbrunst ehemalige Winterhuder Spackos über das Schulterblatt flanieren. Nee! Da bleibe ich lieber wech!!! Da vergeht mir alles.
4. Dezember 2009 um 14:41
paracuda
Freut mich, dass Du dich in dem Artikel wiederfinden konntest. Aber ich bin auch ein “ehemaliger Winterhuder”. Gut, ich weiß, was Du meinst, aber als gebürtiger Winterhuder wäre es nett, wenn Du auf den Eppendorfern rumhacken könntest. Das sind wirklich Spackos.
5. Dezember 2009 um 15:12
BrandNewWelt
clapclap …..
Wir sollten einen Wettbewerb im Poser verbrennen abhalten. …. schade dass das nicht legal ist ….
5. September 2010 um 11:24
Christian
Genial!
Du triffst meine Gedanken zum Thema “Schanze” immer wieder auf den Punkt. Außerdem hast du einen super Schreibstil. Mehr davon und vor allem an öffentlichkeitswirksamerer Stelle!
5. September 2010 um 13:29
ElbNerd
Ich grinse … toller Text. :D
5. September 2010 um 17:49