Alles

Gesundheitssystemfehler

Es ist ein offenes Geheimnis, dass Kassenpatienten anders behandelt werden als Privatepatienten. Die Politiker streiten das immernoch gerne ab, aber wer einmal beides erleben durfte, weiß, dass die Realität ganz schön ernüchternd ist. Ich selbst war vor Jahren privat versichert und kann nur sagen, dass es Welten sind, die private von gesetzlich Versicherten trennen. Dabei ist die Behandlung, die ein Privatpatient genießt, eine, die jeder Patient genießen sollte. Die Selbstverständlichkeit wird somit als Luxus verkauft.

Heute habe ich es wieder gemerkt, wie mies man als gesetzlich Versicherter behandelt wird: eine Hautkrebsuntersuchung vorsorglicher Art kostet mich als erwachsener Mensch 21 Euro bar zzgl. 10 Euro Praxisgebühr. Was erwarte ich von den 21 Euro? Ganz einfach: eine ausgiebige Untersuchung. Mein Körper ist groß, es gibt viele Flecken und einige sehen anders aus, als ein normales Muttermal. Ich erwarte für diese 21 Euro, dass der Arzt sich hinsetzt und mit einer Lupe die Flecken untersucht und sie gegebenenfalls fotografiert. Es ist eine Extraleistung, für die ich extra bezahle. Neben der Praxisgebühr und einen nicht unerheblichen Beitrag jeden Monat an die Krankenkasse, kann ich das schon verlangen.

Was aber habe ich für die 21 Euro bekommen?

Bevor der Arzt ins Behandlungszimmer kam, habe ich ein Update für Nimbuzz auf mein Samsung Galaxy runtergeladen. Mit einem 3G-Netz geht das auch relativ schnell. Als ich mich wieder angezogen habe, war der Download immernoch nicht fertig. In ca. 90 Sekunden hat der Arzt meinen gesamten (!) Körper “untersucht”. Dabei hatte er etwa einen halben Meter Abstand zu mir und konnte im Stehen mit seinem Röntgenblick die Bereiche sehen, die sonst mit Schatten bedeckt sind.

Natürlich sind alle Flecken unbedenklich, bei einem soll ich aber ein Auge drauf werfen. Glücklicherweise befindet sich dieser Fleck auf meinem Rücken. In zwei Jahren soll ich mir das noch einmal anschauen. Und ich sei jemand, der eher braun wird als rot, sagte der Arzt. Ich sagte, dass ich meistens erst rot und dann braun werde. Und dass ich Anfang 2001 einen brutalen Sonnenbrand in Indien erlebt habe, den ich mit einer geheimen Dorfmedizin behandeln musste. Das alles interessierte soviel wie mich die neue Single von Michael Jackson.

Während meiner Zeit als Privatpatient saß ich länger im Behandlungszimmer, als im Warteraum. Nicht umgekehrt. Da hat sich der Arzt mit mir manchmal zwanzig Minuten hingesetzt, um mir ausführlich zu erklären, wie das jetzt genau funktioniert mit der Leiste. Ich wollte schon mehrmals nach einer Wiener Melange und ein paar Keksen fragen, so bequem durfte ich es mir machen. Da bekommt man die besten Medikamente verschrieben, die besten Spezialisten mit Praxen in Blankenese empfohlen und Wartezeit wurde einfach geblitzdingst. Reingehen, Karte aufn Tisch legen und direkt die Schlossallee beziehen. Als Kassenpatient bekommt man keinen Termin mehr, ohne noch mindestens eine halbe Stunde Wartezeit on top mitzubringen.

Man soll sich ja nicht beschweren, denn unser Gesundheitssystem sei ja besser als das in, sagen wir mal: Afrika. Vielleicht sollte man einmal fast seine Mutter verlieren, weil ein Arzt einen Blinddarmdurchbruch mit einer Magenverstimmung verwechselt hat und sich mal bewusst machen, warum der Hausarzt bei jeder kleinsten Erkältung (Viren) sofort ein Antibiotikum (gegen Bakterien) verschreibt. Fehldiagnosen kommen nicht unbedingt zustande, weil der Arzt keine Ahnung hat, sondern keine Zeit. Oder kein Bock. Oder eben doch keine Ahnung. Als mir 2000 ein Zahn gezogen wurde, stützte sich der Zahnarzt mit aller Kraft gegen den Stuhl und brüllte dabei: “…und dafür bekomme ich nur 30 Mark!!!”. Pro Quartal, versteht sich. Da liegen wortwörtlich die Nerven blank.

Wer letztendlich Schuld hat, die Ärzte oder die Kassen, ist mir egal. Ich zahle für eine Leistung und das gleich dreimal: Krankenkassenbeitrag, Praxisgebühr und Zusatzleistungen. Wenn ich für letzteres dann keine ordentliche Zusatzleistung bekomme, dann ist das nicht in Ordnung. In anderen Ländern mag es vielleicht schlechter sein, was aber nicht bedeutet, dass es hier nicht besser sein könnte. Zudem in Deutschland das Preisleistungsverhältnis für den Arsch. Mit oder ohne Hämorrhoiden.

Wer wissen möchte, wer der besagte Hautarzt ist, kann mir gerne eine Mail an schreiben.

Eine Reaktion

  1. comment_ID, $args); ?>

    Thomas Nesges

    Nachdem ich mich ein wenig mit der KV-Abrechnung beschäftigt habe (in aller Kürze zB hier http://www.buschtelefon.de/geld8.htm gelesen), frage ich mich regelmässig warum Ärzte überhaupt noch mit den KVen zusammen arbeiten und sich nicht rein auf Privatpatienten stützen. Ich nehme mal an, weil es einfach noch nicht genügend davon gibt. Ansonsten kann man nur vollkommen irre sein, wenn man sich als Arzt dieses ungerechte System antut. Oder eben ein faules Schwein, dass das System gnadenlos ausnutzt. Und letztere sind wohl die, über die die Geschichten geschrieben werden. Mein Hausarzt ist zum Glück einer von den Irren.

    13. Oktober 2009 um 12:33