Stammtisch Internet
Soziale Netzwerke haben nicht nur den Vorteil, dass man jeden Scheiß von sich geben kann, mit der Hoffnung, dass es irgend jemanden interessiert? Nein, man kann auch jeden Scheiß, der von anderen rausposaunt wurde, mit einem Klick nachäffen und in sekundenschnelle seine Meinung generieren und auch ändern lassen. Am besten eignet sich dafür Twitter, da man dort am schnellsten erfährt, wer gerade frisch gestuhlt hat oder sich über ein Thema aufregt, welches die Aufregung auch verdient.
Während man selber eine Stange Lehm aus seinem Rücken presst, liest man auf seinem iPhone die neuesten Tweets und beschränkt seine eigene Recherche auf die 140 Zeichen seines Alpha-Tiers. “Was? Jack Wolfskin mahnt jemanden ab, der Katzenpfoten verwendet? Wasn Fail, sofort RT!”, denkt und handelt da der Darmsportler. Seine Follower und sowieso alle anderen schreien Minuten später auch irgendwas mit “Jack Wolfskin ist voll doof!”, also wird man in seiner Meinung bestätigt.
Dumm nur, wenn man dadurch seine Objektivität verliert und sich nicht ansatzweise mit dem Markenrecht beschäftigt, welches die Firma quasi dazu zwingt, ihr Recht zu verteidigen. Da es halt um eine Tatze geht, also einem im Alltag häufiger anzufindenen Objekt, drehen alle durch und wollen sofort ihren Katzen die Pfoten abschneiden und wasweißichwortspielen. Voll witzig.
Es liegt in der Natur der Netzgemeinde, die sich gerne revolutionär gibt, stets auf der Hut und immer kritisch, dass Firmen sofort im Kanon gedisst werden, sobald sie ihren Rechten und Pflichten nachgehen. Auch wenn es in diesem Fall etwas übertrieben ist, wohl wahr. Dennoch heftet sich jeder sofort eine Kompetenz an die Fleecejacke, dass man sich schnell wie ein A-Blogger oder Alpha-Twitterer fühlt, sobald man in Gospel-Manier die eigene Zustimmung runterbetet. An dieser Stelle zitiere ich gerne MC Rene aus ‘Pump Up den Shit‘:
Dr. Dre wollte Beats von mir, ich sagte „nein, die kriegste nicht“
„Übe noch ein bißchen produzieren, denn so gut bist du nicht“
Sowieso könnte man den ganzen Text auf die ach so kompetente Netzgemeinde münzen. Web Evangelisten sind die neuen Phony Rapper. Da wird jeder schnell zum Social Media Berater, weil er drei Twitter-Acounts hat (aber nur einen nutzt), bei Facebook und Myspace derbe am stylen ist und sein Business Mambo Jambo aus der New Economy um zwölf Wörter erweitert hat. Und es finden sich immer eine handvoll Erwerbsloser, die aus jedem Scheiß direkt einen Flashmob kreieren und sich einfach unsterblich fühlen (Ja, ich habe auch einmal bei einem teilgenommen, aber der kam wenigstens in den Tagesthemen!).
Es wird geschimpft, gebasht und geblamed auf alles, was ansatzweise Zensur bedeuten könnte oder die Relevanztheorie von Albert Webstein in Frage stellt. Wikipedia läuft nun auch Gefahr, von den mächtigen Internetbenutzern zu Tode gemotzt zu werden, weil sie eigene Relevanzkriterien für Beiträge haben und es ist erstaunlich, wie schnell sich jeder stunden-, wenn nicht sogar wochenlang mit dem Thema auseinander gesetzt haben muss. Denn jeder scheint auf einmal Recht zu haben bzw. die richtigen Tweets mit den Wahrheiten weiterzuleiten. Sobald allerdings jemand anfängt, seine Meinung zu ändern oder Fehler in seiner Recherche einzugestehen (haha.), dann überträgt sich das rasend schnell auf die restliche Herde.
Dass die ach so offene Netzgemeinde sich schwer tut, einen wirklich sachlichen Dialog zu führen, hat sich bei der Hysterie um Sarrazin gezeigt. Anstatt man sich für eine halbe Stunde hinsetzt und das ganze Interview liest, es sacken lässt und dann seine Gedanken dazu einem Dialog spendet, wird auf Tweets, SPIEGEL-Berichten und Fetzen des Interviews rumgehackt, bis der Ursprung komplett die Relevanz verliert. Deshalb ist es auch einfacher, mit Forken und Fackeln die Todesstrafe für Kinderschänder zu fordern, als einmal fünf Minuten nachzudenken.
Wie will man besser sein, als der Stammtisch einer Kneipe in Köln-Porz, wenn man seine Unabhängikeit selbsternannten Alpha-Bloggern überlässt? Haben wir nicht die Möglichkeit, wirklich jedes Thema aufs genaueste zu untersuchen, weil wir doch das Netz kennen, wie unsere Daunenwestentasche? Twitter ist nicht das Internet, Facebook auch nicht und Myspace wird es nie sein. Das Internet ist das, was wir daraus machen und wie wir es nutzen. Wenn es sich auf eine Plattform beschränkt, die von ungefähr 0,1% der deutschen Internetnutzern benutzt wird, dann habe ich keine weiteren Fragen.
christoph
Internet Nutzer sind halt auch nur Menschen. :P
20. Oktober 2009 um 14:31
nicole
Das, was früher einmal nur in Single-Börsen passierte, passiert heute überall: Selbstdarstellung außer Rand und Band. Nur die schönsten Bilder und interessantesten Links und dazu immer wieder eine eindeutig mehrdeutige Statusmeldung. Geil.
Und hey – was voll toll ist: Im Gegensatz zu besagten Single-Börsen wird Dich nie jemand überführen. Denn keiner wird sehen, wer da wirklich hinter dem Rechner hockt und selbst schon gar nicht mehr weiß, was er vor drei Stunden ins Netz losgelassen hat.
Kann ja jeder Twitter-User mal zählen, wie vielen seiner Follower er schon einmal in die Augen geschaut hat. So in echt.
Doch zu verlockend scheint es zu sein, mitzuspielen. In einem Forum zum Fotografen, im nächsten zum Musik-Spezialisten oder Politik-Redakteur zu werden. Solange ab und an ein Kommentar oder RT dabei rumkommt, kann das ja nicht verkehrt sein. Nahrung fürs Ego für 28 Euro in der Flatrate. Ui.
Naja. Das wird sich zurecht schrumpfen. Die Social-Media-Berater können schon mal über den nächsten Job nachdenken, den es zu erfinden gilt. Und alle anderen twittern und facebooken derweil weiter und tun so, als ginge es um etwas anderes, als um sie selbst.
Ich geh´mal Kaffee trinken.
20. Oktober 2009 um 16:28
Chris
juchhu! ich followe 13 leuten. und ich hab 11 von denen schonmal in die augen geschaut! scheidenkleistr zähl ich da jetzt mal mit!
ich finde martin hat recht!
20. Oktober 2009 um 17:59
Nico
lass es alles raus, butscher.
20. Oktober 2009 um 21:25
paracuda
Machst Du mir danach dann auch einen Kakao?
20. Oktober 2009 um 22:02
Nico
klaro.
btw, wasn das fürn quark?
“Your comment was a bit too short. Please go back and try again.”
20. Oktober 2009 um 22:17
paracuda
Ist halt hier eher für Leute, die ganze Sätze zusammenkriegen.
20. Oktober 2009 um 23:44