Deine Mudder 2.0
Ich weiß noch, es war Anfang 2006, glaub ich. Das Internet hat sich grad neu erfunden und aus dem Boden schossen fancy Websites mit glossy Beta-Buttons und krasse Spiegelungen. 20px Fließtext und Formulare so groß wie Babsis Titten. Es wurde gezweinullt, bis selbst Pferde kotzen mussten. Kein Mashup, das es nicht gab und kein Mashup, welches wir nuícht unbedingt brauchten. Das Problem: es war wie schneller Sex mit einer Bekannten. Fünf Minuten geil und danach ernüchternd und abgenutzt.
Für die Entwicklung im Programmierungssektor hat sich seither viel getan. Librarys bis zum Abwinken und genügend APIs, um hungernde Entwickler in Kellern wenigstens für ein paar Websiten menschliche Wärme zu schenken.
Das Problem mit jedem geheimen Strand ist, dass immer andere davon Wind bekommen, mit ihren Freunden kommen und dir ins Wasser pissen. Denn Mitte 2006 war für die meisten der Hype schon wieder vorbei und man rümpfte die Nase, wenn jemand im Raum das Unwort “Web 2.0″ auch nur dachte. Wie ein lautloser Furz, der sich warm-feucht das Steißbein hochzieht und dann für die nächste Stunde den Raum kontaminiert. Das einzige, was wirklich 2.0 war, war das Ergebnis des Spiels Deutschland gegen Italien. Nur andersrum.
Es haben sich eine Zeit lang alle soweit daran gehalten, den Bergiff nicht als Marketing-Mambojambo zu missbrauchen. Zwar wurden oft von Kundenseiten “mehr Verläufe”, coole Habtik” und “geiles Glossy” verlangt. Auch “sexy” mussten Websites sein. Aber “Web 2.0″ war nach einigen Monaten schon so verlatet, wie der Internet Explorer 6.
Heute aber, dem Twitter- und Facebook-Hype sei dank, ist dieser Begriff wieder überaus populär geworden. Kunden wollen “mehr zweinulliges” und Agenturen und Berater haben dies Säckeweise im Kofferraum ihres Granadas. “Könnt ihr das so machen, so schön mit Web 2.0?” – “Klar, Digger. Deine Mudder klaut schließlich bei kik 2.0, Alder.” Unterstrichen wird dies mit Suppenküchen-Tattoos auf Armen, die unter den hochgekrempelten Peek&Cloppenburg-Anzügen hervorragen. Man verkauft auch irgendwo Lifestyle und sei es nur für ein Meeting.
Ees ist nicht nur, dass ausgetragende Klamotten der Macher heute von den Verwertern getragen und weiter verkauft werden. Es schadet auch der Ästhetik und dem Codex des Internets. Bis zur Besinnungslosigkeit wird ein Wald gerodet, bis selbst die jungen Bäume daran glauben müssen und nichts mehr nachwächst. Dann wird auch klinisch reine Baumschulen zurückgegriffen, ohne die Lebensräume einer bunten Tierwelt. Der Charakter von Websites geht verloren, weil alle gleich aussehen. Dank Blogsoftware hat jede Hausfrau nun ihr Web 2.0 innerhalb drei Mausklicks. Das Besondere daran ist nur noch, dass die Nachfrage immer größer wird. Der Klimawandel im Netz ist nicht mehr zu stoppen.
Vor einiger Zeit hat ein Kunde mal gefragt, ob ich denn auch Web 2.0 könnte. Ich fragte ihn, was er genau damit meint. Auf die Antwort warte ich bis heute.
Hanna
Sehr schön! Vielen Dank für solche Worte im Netz. Viele denken es, einer sagt es endlich.
20. Dezember 2009 um 22:38