Systemfehler Mensch: Das Große Gegeneinander

“Darf ich mal?” – Es ist montagmorgen, ich bin früher in der Bahn als sonst und habe mit fremden Menschen ungeschützten Berufsverkehr. Viele sind ordentlich angezogen, die Herren tragen Anzüge und Mäntel, die Frauen irgendwie das gleiche. Doch fehlt neben dem großen Auftragen das große Betragen. Sobald die Tür aufgeht, wird geschubst, gedrängelt und gefordert.
“Darf ich mal?”, sagte ein mit Sicherheit im Finanzwesen arbeitender Endvierziger zu mir. Sagen, weil es keine Frage war, sondern ein Befehl. Mein “Bitte!” war daher auch nicht meine Antwort, sondern das fehlende Anhängsel seiner fehlenden Fragestellung. “Darf ich mal, bitte?”, und es wäre kein Problem gewesen. So aber schnitt ich ihm in Gedanken die Krawatte ab und habe dabei leider zu hoch angesetzt.
Doch das ist nur die Spitze der Spitze des Eisbergs, der im tiefsten Meer der welt umher schwimmt und auf Grund gelaufen ist. Höflichkeit und Benehmen ist nichts, was in uns steckt. Wir müssen es lernen. Wir bekommen es von unseren Eltern vorgelebt oder auch nicht. Wir schauen von unseren Vorbildern ab und wir halten uns schon für gute Menschen, wenn wir einem Bettler 20 Cent geben und es danach unseren Freunden erzählen. Wir sind von Grund auf schlechte Menschen, und wir müssen lernen, es besser zu verstecken.
Nachrichten zeigen uns, wie gierig Manager sind. Sie zeigen uns, wie ein Texaner sinnlose Kriege anzettelte und wie ein neuer Präsident erst total cool war und jetzt dann doch nicht mehr so cool ist. Wir sehen Hunger, wir sehen Katastrophen und wir sehen Terror. Nur eins sehen wir dabei nicht: uns. Alles ist weit weg, es sind immer die anderen und solange ich Müll trenne und zwei Energiesparlampen in meine Weihnachtsdeko drehe, kann mir keiner etwas.
Das Fatale daran ist: wir sind nur so gut, wie groß unser engster Kreis ist. So weit das böse dieser Welt von uns entfernt ist, so weit sind wir davon entfernt, gute Menschen zu sein. Nimmt dir jemand die Vorfahrt, wünscht Du diesem Menschen die Pest an den Hals inklusive Aids und Krebs. Was aber, wenn in dem Auto ein Freund von dir sitzt? Sofort wird alles zurück genommen, dein Hass gilt schließlich nur für Fremde. Und fremd sind so gut wie alle.
Wir wollen mehr Sicherheit, mehr Kontrolle für die anderen, mehr Freiheit für uns. Es gibt immer effektivere Waffen für immer sinnlose Kriege, immer weniger Gegenwehr der Völker, immer mehr Akzeptanz. Sie nehmen uns immer mehr Bürgerrechte, aber wir halten uns für unfehlbar, also wird uns auch nichts passieren. Solange sie “die anderen” erwischen, hat das System auch eine Wirkung. Es geht eben immer nur um die anderen.
Mein Vater hat immer gesagt, wenn im Wald ein Wolf einem Wolf begegnet, dann denkt der sich erst mal: “Aaah, is sicher ‘n Wolf!”, aber wenn ‘n Mensch im Wald ‘nem Menschen begegnet, dann denkt der sich: “Aaah, is sicher ‘n Mörder!”.
Bernd Stromberg
Auch wenn ich der Kirche und dem Christentum wenig bis gar nichts abgeweinnen kann, so haben die und schon früh mit den Sünden konfrontiert. Es ist auch nicht schwer, aufzuzeigen, wie der eigene Alltag von Neid, Misstrauen und Vorurteilen geleitet wird. Die von uns allen geforderte Nächstenliebe existiert nur auf dem Wunschzettel und hält nur hin und wieder her, wenn etwas schön geredet werden soll. Wir leben in einer Welt, in der Reißverschlussverfahren vorgeschrieben ist, aber von niemanden eingehalten wird. Jeder will der erste sein, obwohl man vielleicht der einzige am Ziel sein wird.
Sind die Menschen wirklich so schlecht, wie hier beschrieben? Nein, sie sind noch wesentlich schlechter. Man sieht nur mit dem Herzen gut ist ein Leitsatz, der nicht annähernd der Wahrheit entspricht. Im Herzen sind wir alle schlecht, ausnahmenbestägigende Regeln eingeschlossen. Es gilt das Recht der Relation: Soll mein zu dichtes Auffahren auf der Autobahn wirklich schlimmer sein als die Millionenboni der Bankfuzzis? Gut, ich hasse meinen Nachbar, aber schieße ich in Afghanistan auf Tanklaster? Überlege, was Du machen würdest, wenn Du das Recht dazu hättest.
Wir wollen Frieden, weniger Hunger, keine Grenzen. Aber um Frieden zu gewährleisten, müssen wir uns alle auf eine Ebene stellen. Sind wir wirklich alle gleich oder bekommen nur die anderen HIV, weil man sich und sein Umfeld für sauberer hält, als Afrika? Könnten wir wirklich jeden gleich behandeln, wo man doch schon vor der eigenen Haustür die türkischen Familien mit ihren großen Einkaufstüten und dieser komischen Sprache lieber in der Türkei sieht? Wir wollen Frieden nur in unseren Träumen, aber nicht im Alltag. Es würde nur zeigen, wie schlecht wir diesen einhalten können.
Zwei Milliarden Menschen haben 2001 weltweit gegen den Irak-Krieg demonstriert, jedes Jahr sterben aber Millionen Menschen bei Verkehrunfälllen, die fast immer Egoismus als Ursache haben. Jedes Jahr stecken sich Millionen Menschen rote Schleifen ans Revers, um am 1. Dezember den Welt-Aids-tag zu “feiern”. Trotzdem wird wild durch die Gegend gefickt, als gebe es keinen Morgen. Und wenn alle wirklich Tierquälerei ablehnen würden, dann müsste es keine extra vegetarischen Restaurants geben.
Wir wollen Krieg, Hass und Geld. Warum stört es uns, wenn andere Menschen mehr Geld haben als wir? Was ist ungerecht daran, dass ein Manager eine Millionenabfindung bekommt? Ist es ungerecht, weil man sie selbst nie bekommen wird? Sollte das Geld lieber nach Afrika gespendet werden? Würde man es selber denn verschenken? Das einzige, was ungerecht daran ist: jemand anderes bekommt die Kohle. Mit dem Hass gehen wir abends in die Kneipe, teilen dieses Gefühl mit anderen, die auch nichts bekommen haben und fühlen uns mächtig mit dem Zustand. Weil wir uns für etwas besseres halten.
Dabei würden wir das Geld genauso annehmen und auf die Meinung der niedrig gestellten scheißen. Die Macht geht vom dem Volke aus las ich vor vielen Jahren einmal auf einem Plakat. Ich bin irgendwie froh, dass das Volk nicht mehr Macht besitzt. Nicht auszudenken, wo wir dann landen würden. “Nächste Station: Verderben. Alle aussteigen.” Bitte.
noxid
Zu Wahr um schoen zu sein.
15. Februar 2010 um 10:46