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Damals, als Okocha das Tor des Jahrhunderts schoss

Wir saßen auf der Couch, tranken ein paar Bier und gingen nochmal zurück auf Anfang. Unser erstes Mal, wie aufregend und schön es doch war. Was ist bis heute geblieben und was wird nie wieder so sein wie damals, als wir unsere Jungfräulichkeit verloren. Der Fußball hat sich stark verändert und wir sind froh, dass wir unseren Anfang hatten, als alles schon zu Ende ging.

Das Volksparkstadion war hässlich. Es war weitläufig, viel zu weit vom Spielfeld entfernt und voll mit Faschos und Hooligans. Da es außerhalb lag und kaum überdacht war, zog es einfach immer. Die 64.000 Plätze waren, wenn es gut lief, gerade mal zur Hälfte gefüllt. Aber es hatte eben seinen Charme. Und so standen wir dort alle zwei Wochen, in der brennenden Sonne oder, eher Hamburg-Style, im Dauerregen.

Bequemlichkeit war nicht wichtig für uns, dafür sprach schon der Stehplatz in Block E. Nichts im Stadion sorgte dafür, dass der Besucher hier ein Rundumsorglosevent erleben sollte. Seine Wurst kaufte man sich nicht an einer von 20 Aramark-Buden, wo alles einfach gleich schmeckt. Man stand mit dreißig Besoffenen bei Maren an der Wurstbude an, wo der Tresen immer ein Stück zu hoch war und die Senfflasche immer versifft. Schmale Pappe, Scheibe Brot, Dose Bier dazu. Diese konnte man nämlich noch ohne große Probleme mit ins Stadion bringen.

Der erste Weg führte eh immer zuerst aufs Scheißhaus. Ja, ich sage Scheißhaus, weil es eben wirklich eins war. Die Intention war aber nicht klemmender Stuhlgang, sondern die Klorollen, die damals noch lose rumhingen. Diese fanden dann ihren Weg über 1.000 betrunkende Hools auf die Tartanbahn. Heute sind die Klos nur noch dreckig, das Klopapier ist aber auf einer Riesenrolle hinter einem Sicherheitsschloss versteckt. Endlich hat diese Papierverschwendung ein Ende…

Es ist eine Unart des Vereins heutzutage, höchste Stadionsicherheit zu versprechen, indem man das komplette Stadion kameraüberwacht, übel gelaunte Ordner einstellt und einfach alles verbietet, was irgendwie mit Spaß zu tun hat. Steht man nach Abpfiff noch im Gang, kommt entweder ein Pinneberger mit gelber Jacke oder gleich ein behelmter Kampfläufer, um dich auf deinen Platz zu schicken. Damals saßen unsere Mädels auf den Treppen rum, die zum Block führten und unterhielten sich bei Dosenbier über Jungs. Abgesehen davon kannte immer einer irgendeinen Ordner und konnte alles immer mit einem entspannten Gespräch regeln. Man war schließlich im eigenen Stadion. Im Wohnzimmer. Tu huus.

Die Hools sind heute größtenteils verschwunden, ein paar Alt-Faschos mischen sich heute noch unter die Fans. So wie im nahezu jeden Verein. Man hat die Gewalt aus den Stadien entfernen können und den Fußball attraktiver für Familien und Geschäftskunden gemacht. Die haben keine Lust, an einer von fünf Wurstbuden anzustehen und sich mit Senf zu bekleckern. Deshalb gibt es Wurstlegebatterien, die in jedem Stadion gleich sind. Zu übertriebenen Preisen wird minderwertige Ware in die Mäuler der Zuschauer gestopft, an deren handgelenken vereinsgebrandete Sitzkissen baumeln.

Fußball ist ein Event, das ist nicht neu. Seit einigen Jahren wird vor dem Spiel und in der Halbzeitpause das Publikum mit schlechter und zu lauter Musik und Werbung beschallt, auf dem Rasen gibt es Torwandscheißen und Mittelkreiskoten, während eine studentische Hilfskraft in einem Maskottchenköstüm über den Rasen hüpft und sich noch nicht mal am Arsch kratzen kann. Selbst in der 3. Liga hüpfen bei Carl-Zeiss Jena Cheerleader für der Fankurve rum und feiern jede Ecke wie einen Super-Bowl-Sieg.

Um den Fußball an sich geht es schon lange nicht mehr. Man geht nicht mehr wegen einer Mannschaft ins Stadion, sondern um Stars zu sehen. Die Fluktuation von Spielern tut dabei ihr übriges. Kaum ein Star, der es länger als ein Jahr bei einem Verein aushält, der nicht Bayern München heißt. Sobald die Fans Zeuge wurden, wie ein unscheinbarer Spieler zu einem Publikumsliebling wurde, verpissen sie sich nach Süddeutschland. Der Fan fühlt sich wie nach einem One-Night-Stand, aus dem er sich mehr erhofft hatte. Ich fühle mich billig.

In Hamburg steht ‘ne Schüssel, ‘ne Schüssel aus Beton.
Das ist Hamburgs Scheiße, das Volksparkstadion.

Wenigstens hatte dieses Stadion ein Lied. Dieses Stadion hatte einen Namen, sowie jedes Stadion. Olympiastadion, Waldstadion, Parkstadion, Westfalenstadion. Namen, die Ansagen waren. Heute wechseln alle zwei Jahre die Sponsoren und so spielt der HSV ab nächster Saison in der imtech Arena, zur Zeit noch in der HSH Nordbank Arena und ehemals in der AOL Arena. Auch das easyCredit Stadion, die Schüco-Arena sowie der Signal-Iduna-Park lassen regionales verschwinden und schneiden der Fußballkultur endgültig die Eier ab.

Und so erinneren wir uns an Schneeballschlachten im Block und Löcher im Zaun. Stadiondurchsagen ohne Musik und Videoleinwände, die nur den Spielstand und die Aufstellung anzeigten. An die Kartenhäuschen, wo man acht Mark für ein Bayern-Spiel bezahlte und an die Prügeleien im Block unterforderter Schlägertypen. Es war ungemütlich, aber es war uns.

4 Reaktionen

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    pebbo

    Vereinsgebrandete Sitzkissen? Die gibt’s in Düsseldorf nicht. Aber Aramak-Wurst. Wie toll :-/

    http://www.express.de/sport/fussball/fortuna/stadt-verbietet-fortuna-kissen/-/3292/1074102/-/index.html

    23. Februar 2010 um 12:44

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    paracuda

    Das würde beim HSV nie passieren. Alles was Geld bringt, ist gut: http://bit.ly/9Pae98

    23. Februar 2010 um 12:56

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    Matze_sagt

    Übrigens saßen die Hools auf der Südtribüne, sprich nicht in der Westkurve. Dort konnten wir (ziemlich weit unten am Zaun) nur die Skins sehen…..
    Ich kann mich noch daran erinnern, wenn das Spiel (mal wieder schlecht lief) die ganze Westkurve die Hools angefeuert haben, doch endlich den Gästeblock oder aber mind. das Spielfeld zu stürmen…. Zeiten waren das…..
    “Zum Glück” sind die Preise mittlerweile so hoch, das die Nazis sich keine Karte mehr leisten konnten. Säubern von Innen nennt man das.

    By the way: Vermisst Du unser Stadion? Hast Du Hass auf die Sponsoren, oder was willst Du eigentlich mitteilen?

    23. Februar 2010 um 13:21

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      paracuda

      Gut, das mit den Hools stimmt wohl, wenn man es genau nehmen. Dass ich die mit dem Pack in der Westkurve verglichen hab, ist wohl eher ungewollt bzw. als leicht verständlich Verallgemeinerung gedacht. Dass diese verschwunden sind durch die höheren Preise ist ein netter Nebeneffekt, aber auch eben eins der vielen englischen Modelle, die hier einfach blind übernommen wurden.

      Um deine Frage zu beantworten: Ich vermisse nicht unbedingt das alte Stadion, denn es ist genauso hässlich gewesen wie das jetzige. Ich vermisse einfach den Umgang mit dem Sport, das Einzigartige daran. Dass in jedem Stadion in Deutschland die Wurst gleich schmeckt ist ein gutes Indiz dafür, dass dem Sport die Romantik genommen wurde und jetzt nur noch auf den Event an sich gezählt wird. Wer da letztendlich Sponsor ist, ist scheißegal. Am Ende gehe ich wohl auch in eine Möbel Kraft Arena.

      23. Februar 2010 um 13:26