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Systemfehler Mensch: Ich hupe auch für Arschlöcher

Es ist immer so eine Sache mit den Verkehrsregeln. Jeder glaubt, diese auch nach 10 Jahren unfallfreien Fahren noch zu kennen. Dabei wird das “kennen” gerne so gehalten, dass es eher wie eine eigene Interpretation der regeln klingt. Frei nach dem Motto: Soalnge ich keine Kinder in der 30-Zoner überfahre, mach ich alles richtig.

Warnzeichen (§16 Abs. 1 StVO)
Schall- und Leuchtzeichen darf nur geben,

  1. wer außerhalb geschlossener Ortschaften überholt (§ 5 Abs. 5) oder
  2. wer sich oder andere gefährdet sieht.

Hier geht es um den inflationären Einsatz der Warnblinkanlage und dem deutschen Sprachrohr Nummer 1: die Hupe.

Ich blinke, also bin ich

Entgegen der Gewohnheit, den Warnblinker in der 2. Reihe anzuschmeißen, ist dieses Verhalten schlichtweg falsch. Denn eine Warnblinkanlage soll warnen. Nicht davor, dass Du gerade Kippen holst, sondern vor Gefahren. Das sind in der Regel Stauenden oder eine Panne. Hier sollte die Warnblinkanlage mit einem Warndreieck kombiniert werden, welches NICHT an der Stoßstange lehnt, sondern, bei schnellem Verkehr, 100m von der Schrottkarre entfernt (§15 StVO).

Trotzdem wägt man sich gerne in Sicherheit, wenn man sich so bescheuert wie möglich in die zweite Reihe stellt, weil man unbedingt ganz schnell oberwichtiges zu erledigen hat. Dass der Bus hinter dir nicht durchkommt ist erstmal primär, wie der Fußballer sagt. Du hast schließlich die Warnblinkanlage an. Entgegen der Handynummer in der Windschutzscheibe, die nicht vor einem Ticket schützt, sondern nur auf die Kulanz des Geschädigten baut, ist es nach dem Reglement der deutschen Straßenverkehrsordnung strafbar, den Warnblinker fahrlässig einzusetzen. Aber auch dafür hast Du sicher schon eine Asurede parat (“Macht doch jeder so!”, “Hitler war viel schlimmer als ich!”, “Aber die Kinderschänder lasst ihr laufen, oder was?”).

Im Gegensatz zum eher unaufdringlichen Warnblinker, ist die Hupe ein permanenter Begleiter im weltweiten Straßenverkehr. In Italien ist es ein Ausdruck von Lebensfreude, in Indien sind Hupen das meistgestohlenste Objekt an Motorrädern. In Deutschland hat die Hupe nur eine Aussage: Hass.

Mein Haus, meine Frau, mein Hupen

“Wer sich oder andere gefährdet sieht” heißt es in der StVO. Dass jemand hupt, weil er jemand anderes gefährdet sieht, werde ich wohl nie erleben. Eher werde ich Miss Mausefalle 2010. Und dass man sich gefährdet sieht, weil jemand vor einem das allseits bekannte aber stets ignorierte Reißverschlussverfahren anwendet, wage ich zu bezweifeln. Eher geht es darum, sein mit dem Führerschein erworbenes Vorrecht auf alles für immer zu verteidigen.

Steigt man in ein Auto, dann ist Krieg. Man verpflichtet sich quasi auf Lebenszeit für den Kampfeinsatz um den eigenen Stolz. Deine Waffe: dein Ego. Manche schaffen es auch, unehrenamtlich aus der Armee entlassen zu werden. Da die Straßenwehr aber jeden braucht, kommt man per MPU wieder rein. Das ist wie bei der Bundeswehr oder bei DSDS: die lassen wirklich jeden rein.

Darum wird gehupt, bei allem, was sich in die Privatsphäre der Autofahrer drängt. Am beliebtesten ist der “Amoklauf der geschundenen Autofahrerseelen”. Die Missverstandenen, die Killerspiel-Opfer. Ich spreche von denen, die das unsägliche Leid ertragen müssen, von grausamen Mitmenschen in ihrer Parklücke eingesperrt zu sein. Nichts für Claustrophobiker! Hier zeigt sich der Abschaum der Menschheit von seiner hässlichen Seite. Da ist es nur verständlich, dass man seine Hupe mit einem Groschen festklemmt, anstatt die Polizei zu rufen, oder noch schlimmer, in den umliegenden Geschäften fragen, wer die Frechheit besitzt, nicht nach dem eigenen Terminkalender zu leben und einem am Leben zu hindern. Das Verständnis der Nachbarschaft ist daher groß. Auch das der Nachtschichtarbeiter, die morgens um acht gerne von einer Hupe geweckt werden.

Wer hupt, ist König. Nee. Wer Auto fährt, ist König. Heute morgen sah ich eine Frau in einem Mercedes Kombi, schwarz, neu, böse. Vor ihr wollte eine junge Frau in einem Nissan Micra auf die andere Spur wechseln. Auf ihre Spur. Es war zwar genug Platz vorhanden, aber wenn jetzt schon ein Kleinwagen vor einem Benz einfädeln darf, dann kommt als nächstes Asylrecht für Kriegsflüchtlinge, oder was? Ach nee, das gibts ja nicht mehr wirklich.

Hupen ist die Ausdrucksform der Talentfreien. Wer nicht singen, tanzen, malen, programmieren, kochen oder gut ficken kann, der hupt eben. Weil eben ein Ventil fehlt. Das ist wie der Filialleiter vom Discounter umme Ecke, der seine Praktikanten schindet, obwohl er zuhause von seiner Frau mit einem Kantholz in den Schlaf gestreichelt wird.

Wenn das Auto des Deutschen liebstes Kind ist, dann haben wir hier ein gut zu erkennendes Bild, wie es bei den Deutschen zu Hause vorgeht: Anstiftung von Straftaten. Jugendamt allez.

5 Reaktionen

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    Chris

    stimmt. mir ist aufgefallen dass in Hamburg mehr sinnloses aggro-gehupe stattfindet als in berlin, weiß nicht warum, wahrscheinlich weil sie’s können. dafür gibts in berlin mehr sirenen, die machen auch gut wach!

    9. Februar 2010 um 11:31

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    paracuda

    Ich glaube nicht, dass es da große Unterschiede zwischen den Städten gibt. Da Berlin weitläufiger ist, fällt es dir vielleicht nicht so auf. Aber sinnloses Gehupe findest Du im ganzen Land.

    Man merkt ja auch sofort, wenn man über die Grenze nach Deutschland fährt: es dauert keine 2 Minuten, da klebt dir irgendein Spinner am Heck.

    9. Februar 2010 um 11:40

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    Chris

    das mit der grenze stimmt, ist mir immer so gegangen als ich noch in münster war und wir immer nach holland gefahren sind und dann wieder zurück kamen. also das mit dem gehupe städte-technisch: klar, den bodensatz idioten den hat man überall in deutschland, aber die hamburger sind wirklich mehr trigger-happy was die hupe angeht. als ich am högerdamm gewohnt habe, musste ich rückwärts einparken, auf einer 2-spurigen ausfahrtsstraße, 2 km vorher blinker gesetzt, langsamer geworden, trotzdem wurde ich angehupt, bei einer ganz normalen sache! und letztens ist mir wirklich das aller aller krasseste passiert: ich wollte olaf abholen, und stand auf der ecke ependorfer weg / marthastraße, eine langgezogene T-Einmündung, ist zwar verboten offiziell (5-Meter Regelung bei Einmündungen!) aber jeder kam vorbei, ich saß auch im Auto. Kommt ein anderer Autofahrer aus der Gegenrichtung, also nicht die Seite an der ich parkte, fährt an mir vorbei und gibt mir ein Hupkonzert (ich stand wohlgemerkt, Olaf is eingestiegen, Tür war auf) das war megakrank! Ich konnts nicht glauben!

    9. Februar 2010 um 12:10

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    paracuda

    Ich hoffe, Olaf hat sich nicht zu sehr erschrocken…

    9. Februar 2010 um 12:59

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    Thomas Nesges

    Nebelschlussleuchte. Nur bei Nebel mit Sichtweite unter 50m einzusetzen und sobald sie an ist, darf nur noch 50km/h gefahren werden. Aus gutem Grund. Ich bin sicher nicht der einzige, der sich seine Augen noch nicht vollständig versaut hat und durch die grellen Schlussleuchten geblendet wird. Das war früher, als ich mich noch aufgeregt hab, für mich ein echter Adrenalinsteigerer und darf in keiner Arschlochverhaltensammlung fehlen.

    9. Februar 2010 um 14:01