Ballermann 22769

Foto: | Thorsten |
Es ist lange her, als ich das letzte Mal an einem Freitagabend über das Schulterblatt lief. Letzten Freitag dann, das Wetter wird wieder milder und das Leben spielt sich langsam wieder draußen ab, wagte ich den Weg durch die angebliche Aorta Hamburgs. Und ich wunderte mich, dass ich nach Jahren immernoch negativ überrascht werden kann.
Zuerst kamen die Werber und arbeitsuchende Kreative, die mit ihren dicken Sonnenbrillen in der Sonne saßen und portugiesische Kaffeemischgetränke konsumierten. Harmlos. Dann kamen vor zwei drei Jahren die Pinneberger Schaufensterbummler, was schon etwas mehr die Stimmung trübte, aber immerhin waren auch sie friedlich. Jetzt aber ist der Untergang des Viertels nur noch eine Frage der Zeit. Denn jetzt sind sie da, die Lokaltouristen und Jugendlichen aus den umliegenden Gesamtschulen. Der Frieden ist mit den friedliebenden Mac-Usern aus dem Viertel verschwunden.
Wo man einst Eppendorfer und Punks vor der Roten Flora abhingen sah, gibt es nun Schlägereien der Marke “10 gegen 1″. Eng geschnürte Caps, in die Socken gestopfte Hosen und ins abgezogene iPhone brüllende Checker. Dazwischen Jungesellenabschiede unterfickter Ballermänner und Mädchenabende der Abteilung Schadensregulierung L-Z. Was man bisher vom Kiez kannte, hat sich nun endgültig in die Schanze verlagert.
Ich spreche jetzt nicht von Gentrifizierung, denn die gibt es hier seit knapp zehn Jahren und ich wohne schließlich auch dort. Zumindest in Laufnähe. Mit Gentrifizierung hat das nun auch schon alles nicht mehr zu tun. Hier vergeht sich der Geier am Aas, welches vorher schon von den Baulöwen gerissen wurde. Die besten Stücke sind schon längst weg. Das hier ist Resteficken auf extrem niedrigen Niveau.
Gentrifizierung hat normalerweise die Wirkung, dass zahlungskräftige Menschen in ein als total angesagt und kreatives Viertel ziehen und die, die es dazu gemacht haben, sich das Leben dort nicht mehr leisten können und wegziehen müssen. Dieser Status ist schon längst überschritten. Denn wer unter der Brücke zu zehnt um zwei Vodkaflaschen steht und diese mit Cola in Plastikbechern vermengt, wohnt hier nicht. Sie bringen auch kein Geld ins Viertel, mal vom hinterlassenen Flaschenpfand abgesehen. Das Schanzenviertel ist endgültig ein Durchlauferhitzer für schmutziges Hartgeld geworden.
Was rege ich mich eigentlich auf? Ich wohne hier seit acht Jahren, komme ursprünglich aus Winterhude und hab zwischenzeitlich kurzzeitig in Poppenbüttel und Berlin gewohnt. Im Grunde bin ich genauso Teil der Entwicklung wie tätowierte St.Pauli-Modefans, die ein halbes Kilo für ein WG-Zimmer aufm Schulterblatt blechen. Was ich mir aber anmaße ist, dass ich immer einen gewissen Respekt in meine Umgebung mitbringe. Heißt kurz: ich scheiße nicht in mein eigenes Nest. Und in meine eigene Stadt schon mal gar nicht. Eine selbstgerechte Ansichtsweise, die ich gerne vertrete.
Nun wohne ich dort, wo die Lokaltouris am Wochenende ihr Auto parken, weil es direkt auf dem Schulterblatt entweder keine Parkplätze gibt oder das Auto dort spontan anfängt zu brennen. Meine recht niedrige Wohnungslage bringt mich oft ungewollt mit den den Menschen in Verbindung, die hier intervenieren wie die Amis in ölreichen Wüsten. War es hier vor zwei Jahren noch schön ruhig und vor allem ungefährlich nachts, gibt es jetzt Schlägereien in meiner Straße und anscheinend auch das ein oder andere Testgebiet für interstellare Schalldruckerzeuger.
Warum ziehe ich nicht weg, wenn es mir hier zu laut wird? Weil es mir hier bis auf manche Menschen gefällt. Und weil es auch logistische Vorzüge gibt: der Hafen in Fußnähe und mein Edeka, wo ich mit Namen begrüßt werde. Es geht aber auch nicht darum, warum ich hier wohne, sondern darum, was mit einer Stadt geschieht, die immer mehr an Werte einbüßt. Das St.Pauli wie man es kennt, kennt man gar nicht mehr, sondern hört nur noch davon, wie es einmal war. Damals, der schöne Klaus, Negerkalle, Stefan Henschel und so. Wenn man ehrlich ist gibt es heute mit Glück was aufs Maul und mit etwas Pech ein Messer ins Gesicht. Fünf Minuten Reeperbahn haben mir freitagabend mal wieder gereicht, um bestätigt zu werden. Die Hotspots dieser Stadt sind nichts weiter als ein Haufen Idioten, die sich vor Kiosken die Synapsen und dir dann später das Licht ausknipsen.
Oh ja, ich jammere. Wenn mir einer vor die Tür kackt, finde ich es nicht gut. Wenn jemand in meinem Viertel auf large macht, aber die erste Bahn zurück nach Lurup nimmt, regt mich das auf. Und wenn morgens um vier vor der Shisha Bar irgend jemand von drölf Halbstarken zusammen geschlagen wird, dann kann ich nicht pennen. Das war nicht immer so, das ist neu und das regt mich auf. Dann wünsch ich mir lieber die Werber mit ihren Neonshirts und Schals zurück, die in der Sonne rumstanden und portugiesische Kaffeespezialitäten verköstigten. Die, über die ich mich zuerst aufgeregt habe.