Bis es knallt
Heute morgen war ich beim Bäcker und habe mir zwei Brötchen gekauft. Im Laden hingen vier Kameras und eine Person notierte, was für Klamotten (Marken, Farbe, Größe) ich trug. Eine andere Person mit Klemmbrett fragte mich schon beim Eintreten, woher ich kam und wohin ich denn noch gehen werde. Meinen Arbeitgeber und meine Wohnadresse musste ich noch angeben. Alles nur zu reinen Marketingzwecken, total anonym natürlich.
Natürlich ist das nicht passiert. Niemand würde einen Bäcker betreten, wenn er so viele Informationen von sich preisgeben müsste. Was ist aber, wenn man eine Website besucht und im Hintergrund Daten gesammelt werden, die mehr über uns verraten, als uns lieb ist? Warum empfinden wir es als normal, Daten über einen Besucher zu sammeln und empfinden auch nichts schlimmes daran, diese auch selbst abzuliefern? Zudem das alles auch noch versteckt abläuft. Das wäre so, als würde beim Bäcker hinter einem Spiegel diverse Kameras laufen und versteckte Mikrofone die Konversationen aufzeichnen.
Damit man sich einmal bewusst wird, was man bei einem stinknormalen Analyse-Tool wie Google Analytics bei einem Seitenaufruf alles für Informationen hinterlässt:
- IP-Adresse (personenbezogene Identifikationsnummer)
- Referrer (verweisende Website)
- Besuchszeit (Datum, Uhrzeit, Aufenthaltsdauer)
- Loyalität (Häufigkeit der Besuche)
- Betriebssystem
- Browser (Hersteller, Version)
- Bildschirmauflösung
- Plugins (Flash, Java, Quicktime, Silverlight usw.)
- Standort und Provider (Serverstandort des Anbieters)
- Suchmaschine / Suchbegriff
- Downloads (Dateien, die von der Website heruntergeladen wurden)
Das ist nicht neu, aber eine Menge. Seitdem wir im Netz unterwegs sind, kennen wir diesen Hintergrund und bis vor ein paar Jahren haben sich nicht einmal Datenschützer darum geschert. Und klar, wie soll eine Marketingabteilung überleben, wenn sie ihren Kunden keine ausführliche Information über deren Besucher liefern kann? Daraus lassen sich schließlich Profile erstellen. Doch warum darf sie das ohne unsere Zustimmung? Demographie vor Demokratie, oder so.
Der größte Vermarkter für Onlinewerbung, Google, kündigte jetzt an, dass es in Zukunft ein Plugin geben wird, womit der Surfer via Opt-out dafür sorgen kann, dass seine Besuche auf Websites nicht mehr per Google Analytics gespeichert wird (diese Option könnte man auch direkt in seine Website einbinden, wenn nur mehr Betreiber davon wüssten). Ein netter Gedanke, aber warum muss man sich selber darum kümmern, dass persönliche Daten nicht mehr gespeichert werden? Und was ist mit all den Usern, die dieses Plugin weder kennen, noch wissen, wie man es installiert? Meine Mutter zum Beispiel.
Aber alles ist möglich, solange es nur gut verkauft wird. Zur angeblichen Verbesserung der Produkte und des Service verlangen Marktforscher man gerne mal schnell das Einkommen, die Größe des Haushaltes und den beruflichen Werdegang. Dass der größte Anbieter für Onlinewerbung alles über uns wissen will und selbst unsere Mails liest, damit wir endlich auf uns zugeschnittene Werbung bekommen, empfinden viele auch noch als Wohltat. Doch wie mein Kumpel und Anwalt Andreas Barth so schön sagte: “Was geht, wird solange gemacht, bis es knallt.”
Zurück zum Bäcker. So ein Szenario ist natürlich weit hergeholt. Denn niemand würde heutzutage diese Orwell’sche Methode zulassen. Warum aber im Internet? Weil bei der Einführung dieser Methode noch eine Unwissenheit herrschte. Unwissenheit darüber, dass diese Analyse-Tools existieren und wenn man es wusste, konnte man nicht ahnen, was man damit alles über den Besucher herausfinden kann. Begonnen hatte es mit einfachen Besucherzähler, die nichts anderes machten, als Besucher zu zählen. Meistens auch für jeden sichtbar.
Heute, neunzehn Jahre nach Einfühgrung des World Wide Webs ist der Aufschrei groß. Datenschützer laufen Amok und auch ich habe auf dieser Seite dafür gesorgt, dass zumindest die IP-Adressen nicht gespeichert werden. Somit kann keine Information mehr einer Person zugeordnet werden. Denn am Ende interessiert mich nur, wieviele Besucher ich pro Tag habe und wieviele von denen noch den Internet Explorer 6 benutzen. Ist so ‘n Entwickler-Ding. Werbung wird es auf meiner Seite auch nie geben und wer mich häufiger besucht als andere interessiert mich auch nicht. Ok, welche Seite mich verlinkt, möchte ich schon wissen. Aber nicht, wer auf diesen Link geklickt hat.
Das Unbehagen steigt. Mein Firefox besucht keine Seite mehr ohne Ghostery und sucht über anonyme Suchseiten wie Google-anon. Mit dem Unbehagen steigt auch die Vorsicht, die eigene Kontrolle darüber, was man wo von sich preisgibt. Nachdem das Bundesverfassungsgericht die Vorratsdatenspeicherung für verfassungswidrig erklärt hat, wächst auch so langsam das Bewusstsein der Menschen. Bis es denn mal knallt freue ich mich darüber, dass ich beim Bäcker wenigstens weiterhin unbehelligt meine Brötchen kaufen kann.