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Systemfehler Mensch: Wehe, wenn sie losgelassen

Steht ein Mensch in der Öffentlichkeit, dann ist sein größter Feind die BILD-Zeitung. Sie begleitet dich stets wie ein Schakal und wartet auf die kleinste Unachtsamkeit, um dich dann zu erlegen. Ihr ist egal, ob es zu einer Verurteilung kommt, die Anschuldigung an sich reicht, um dich zu richten. Wenn die Anschuldigungen nicht schwer genug sind, werden einfach noch welche dazu gedichtet. Im günstigsten Fall bist Du verwandt mit Hitler, im schlimmsten wird dein Leben irreversibel zerstört.

Wir alle wissen das, wir alle fürchten das und vor allem hassen wir diese Machenschaften. Dennoch lassen wir uns davon leiten und nur durch große Anstrengungen schaffen einige es, sich nicht von diesen Meinungen beeinflussen lassen. Doch in vielen von uns steckt die BILD und seitdem selbst Hausfrauen twittern, wird das wieder deutlich.

Im aktuellen Fall Jörg Kachelmanns zeigt sich die Bestie Volk mal wieder von ihrer hässlichsten Seite. Stefan Niggemeier fasste die schönsten Tweets zu diesem Thema zusammen, die wieder nur eins zeigen: Eine Verhaftung reicht, um einen mutmaßlichen Täter zu verurteilen. Das hat sich im Mittelalter schon bewährt, wo rothaarige Frauen als Hexen tituliert und verbrannt wurden. Die Macht geht eben vom Volke aus.

In so einer Situation frage ich zurecht zynisch, ob Bürgerrechte überhaupt geschützt werden müssen, wenn sie dazu führen, dass anderen Bürgern das Leben versaut wird. Oder braucht man doch einen Führerschein für das Internet, gar für die Öffentlichkeit? Merkt keiner, wie schlimm so ein Kollektivrufmord ist? Ich will keine Lanze für Kachelmann brechen, aber ich war nicht dabei. Niemand von uns war das. Und wenn es zu einem Urteil kommen sollte, habe ich immernoch die Gelegenheit, mir eine Meinung zu bilden.

Wie kann man vor allem die Justiz immer wieder in Frage stellen, wenn sie nicht nach dem eigenen Interesse gehandelt hat, wo man selbst außergerichtlich urteilt? Warum werden bei der ersten Vermutung schon die Fackeln gezündet und die Forken gespitzt? Das alles zeigt doch nur, dass die Evolution stagniert und das, seit der Mensch aufrecht gehen kann.

Die Medien mischen da immer gut mit. Welt Online zum Beispiel lässt uns in ihrem Beitrag wissen, was sie eh vom “Wettertainer” hält:

Deutscher Steuerzahler ist Kachelmann also offenbar nicht. Aber sein Lebensmittelpunkt, Arbeit, Freundin und die Märkte seiner in seinem Heimatland, der Schweiz, ansässigen Firmen lag bisher im Wesentlichen, nach allem, was man hört, hierzulande.

Quasi: Er ist eh ‘n Arschloch, also wird er es schon getan haben. Der Stammtisch weiß: “Wer seine Steuern nicht zahlt, vergewaltigt auch Frauen!”. Aber für ein Axel-Springer-Blatt ist das noch recht harmlos. Auch hier werden kontextfreie Fakten einfach untergemischt, bis man am Ende den Kuchen hat, der allen schmeckt. In diversen Boulevard-Magazinen ist er schon der Verlierer, Flop der Woche oder auch verantwortlich für die Schweinegrippe (vielleicht erinnert ihr euch ja noch).

Wäre das Entkernen eines Rufs nicht so populär bei den Menschen, sprich: die Nachfrage gleich null, sähe die Welt anders aus. Dann würden wir mit unseren Fackeln und Mistgabeln vor den Verlagen stehen und dafür sorgen, dass sie mit diesem Schindluder aufhören. Doch wir können uns nicht satt essen und freuen uns darüber, seit der Einführung des Mitmach-Webs auch endlich unseren Menschenhass, meist mit vermeintlich witzigen Aussagen, kund zu tun. Denn andere sind immer schuld und schuldig, während man selbst höchstens die Unschuld küsst. Wenn das eigene Umfeld dann auch noch diese Meinung verstärkt, ist es noch einfacher, mitzuziehen.

Das macht uns nicht besser als die Medien. Im Zweifel für den Angeklagten, aber das funktioniert so gut wie beim Fußball die Abseitsregel. Diese besagt: Im Zweifel für den Angreifer. Und das erlebt man genau so oft, wie eine totale Sonnenfinsternis im eigenen Land.

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