Ein RT macht noch lange keine Revolution
Was ist eine Revolution heutzutage noch wert, wenn sie morgen schon wieder vergessen ist. Was nützt ein Aufstand, wenn der Grund dafür morgen nur noch halb so schlimm ist. Wichtig ist, dass man jetzt dabei ist und im Chor, besser gesagt im Kanon klagt jammert, boykottiert und petitioniert. Wenn dein Umfeld aber das Kämpfen einstellt, dann gilt auch hier wieder das Gesetz der Herde.
Und was wurde nicht alles angeprangert in der letzten Zeit. Jack Wolfskin, Zensursula, Nestlé und, immernoch aktuell und nicht besser geworden, die Ölpest im Golf von Mexiko. Jeder schrieb Tweets, ersetzte seine Profilfotos durch das schwarze BP-Logo (mittlerweile sehe ich fast keins mehr) und hat Flagge gezeigt. Allerdings nur solange, wie die Medien auch diese Meldungen auf den sichtbaren Bereich ihrer Startseiten packten. Was weiter unten landet, ist eben auch nur bedingt wichtig. Dass das Öl immernoch austritt und mittlerweile auch zwei Helfer ihr Leben verloren haben – geschenkt. Jetzt gucken wir erstmal Fußball.
KitKat kauft man auch wieder, denn es spricht ja niemand mehr darüber. Palmöl ist aber immernoch drin, sowie auch in den Gille-Keksen, die es bei IKEA gibt. Doch das war nicht das Thema der sogenannten Blogosphäre (immernoch der bescheuertste Name für ein Haufen selbsternannter Journalisten). Um die Privatssphäre und den Datenschutz steht es so schlecht, wie noch nie in diesem Land und wie gesagt, das Öl sprudelt noch mindestens bis August. Auch wenn man BP-Chef Tony Hayward mittlerweile gefeuert hat, ihr Bauernopfer.
Die ach so wachsame Community da draußen im Interwebz ist eben nur so wachsam, bis ihre Follower ins Bett gehen. Denn gerade Twitter ist nicht gerade auf Nachhaltigkeit gebaut, weil es auch kein richtiges Archiv gibt. Man liest eh sich selbst mehr als die, die man angeblich folgt. Da ist man eben nur solange Iraner, bis SPIEGEL Online sagt, dass nur noch zehn Personen pro Tag sterben. Dass dort immernoch Blogger und Menschen, die ihre Meinung frei äußern, verfolgt werden, interessiert uns jetzt nicht mehr.
So wie mich die täglichen Toten im Irak abgestumpft haben, so stumpft mich auch jedes pseudo-liberale Solidaritäts- und Revolitionsgehabe auf, welches sich im Netz sofort breit macht, wenn irgendwo mal wieder ein unschuldiger Webseitenbetreiber abgemahnt oder mal wieder ein bißchen auf dem Datenschutz rumgetrampelt wird. Das Problem ist, dass viele Skandale und Katastrophen eine Halbwertszeit von einer halben Ewigkeit haben. Was man von unserem Gewissen nicht behaupten kann. Und so werden auch die Vuvuzelas bald wieder das sein, was wir täglich versuchen zu schreiben: Geschichte.
Olli
Ich aktiviere dann mal wieder die Trafficbremse…
28. Juni 2010 um 10:08