Freizeitnationalistische Partypartei Deutschland

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Ich weiß es noch genau: Vor vier Jahren, als in Deutschland voll die unerwartete Fete statt fand, hieß es quer durch die Medien, dass diese Art von Patriotismus ja gestattet sei. Zu groß ist die Euphoire, dass doch nicht, wie erwartet und befürchtet, die Nazis und Hooligans durch die Straßen ziehen und alle Gäste wieder über die Grenze prügeln (was dann aber doch irgendwie passiert ist).
Heute, vier Jahre später, wo wir nicht Gastgeberfreunde sind, da sieht es dann doch ein wenig anders aus. Da unten in diesem Afrika, da sind die Stadien leer und die Schiedsrichter sind auch doof. Die Stars spielen wie sternhagelvoll und anscheinend sind auch alle überrascht, dass Über-Teams (…) wie Frankreich und Italien schon in der Vorrunde rausgeflogen sind.
Bei so vielen Negativen wird auch immer mehr der Unmut an der hieisgen Fangemeinde laut. Zumindest werden beide Lager immer deutlicher. Die einen, die nichts mit Fußball zu tun haben, aber sich alle zwei Jahre alles schwarz-rot-gold anmalen und froh sind, wenn man andere Länder besiegt hat. Und die anderen, die einfach nur Fußball gucken wollen.
Zuerst steht man vor dem eigentlichen Problem: Als Deutscher musst Du für Deutschland sein. Alles andere ist irgendwie verdächtig. Bist Du als Deutscher für England oder Holland (dazu zähle ich mich gerne), dann hast Du in Geschichte nicht aufgepasst. Denn darum geht es bei internationalen Fußballturnieren einzig und allein – Territorialverhalten (ja, Buzzword!). Der Sport ist hier nebensächlich, solange wir eben gewinnen. Würden die Menschen wirklich alles Fans vom Fußball der deutschen Nationalmannschaft sein, dann würden sie auch kein Problem damit haben, das ganze Jahr über in den Farben oder im Trikot herum zu laufen.
Für mich ist Fußball schon immer nur ein Sport gewesen. Sicherlich, gewisse Sticheleien in der Bundesliga gehören dazu, davon lebt auch ein Sport. Aber wenn man gegen Spaghettifresser, Inselaffen oder Rindersteaks spielt, dann hat da jemand einen schlafenden Hund geweckt. Das kann man auch nur noch bis zu einem gewissen Maße mit “soften Nationalismus” betiteln. Dazu sagt man besser Sofanazis oder von mir aus auch Hobbyfaschisten. Da reicht es auch nicht, dass man es ja ganz gut findet, dass auch Menschen mit Migrationshintergrund jetzt für Deutschland spielen.
Dass der Sport zum Transportieren von politzischen Interessen missbraucht wird, ist ein altes Spiel. Vor allem Dispoten und totalitäre Systeme stehen total darauf, dem Volk ein bißchen Spaß zu schenken, wenn sie am Ende des Tages das tun, was man ihnen befiehlt. Über zwei Ecken hörte ich einen deshalb nicht so abwegigen Satz: “Wenn Deutschland Weltmeister wird, würden die Deutschen auch wieder in den Krieg ziehen.” Wenn Deutschland in der Vorrunde gegen Ghana mit einem beschissenen Spiel und viel Glück gewinnt, dann ist hier schon Krieg auf den Straßen: Wer jedes Pisstor mit Böllern in der Menschenmenge feiern muss, nennt seine Kumpels auch Kameraden.
Die Weltmeisterschaft ist ein Turnier, wo in diversen Teams Spieler aus den großen Ligen dieser Welt gegeneinander Spielen. Eigentlich eine gute Gelegenheit, um Fußball mal rein objektiv zu betrachten, sich auch mal Spiele anzugucken, wo keine zwei Strenesse-Models popelfressend mit den Armen rumfuchteln. Man könnte sich entspannt mit Freunden treffen, über Teams wie die Schweiz oder Japan diskutieren und sich freuen, wenn die eigene Mannschaft weit kommt, aber auch Freude an Underdogs und Talenten hat. Stattdessen gibt es nur Schwarz oder Deutschland.
Das schlimmste an der ganzen Pseudfeierei ist die Tatsache, dass man mir und vielen anderen den Sport kaputt macht. Man geht seit Jahren zu seiner Lieblingsband, erlebt mal gute und mal schlechte Konzerte, supportet aber in guten wie in schlechten Zeiten. Dann kommt eine Horde Spacken, malt sich bunt an und geht dir mit ihrem Gehabe aufn Sack. Die kommen allerdings nur, wenn sie auf Festivals spielen. In der Bundesliga findet man sie selten. Man könnte die Weltmeisterschaft somit auch mit Wacken vergleichen, wo jedes Jahr zehntausende Volldeppen hinfahren und sich in Wikingerhelmen zu Slayer besaufen, aber nicht eine einzige Textzeile zitieren könnten. Und genau diese Menschen pfeifen auch zur Halbzeit, wenn Deutschland gegen San Marino nach 45 Minuten erst 3:0 führt. Fickt euch.
spanier
wort!
oder eher auf spanisch gesagt:
palabra!
5. Juli 2010 um 11:18
Chris
seh ich bis auf 1 Sache genauso (Die kommt dann am Ende :-). Dieses Mal hats mich noch mehr genervt als 2006. Ich bin zwar kein Fußballfan, aber ich guck mir einige Spiele schon an, allerdings eben zuhause, oder mit Freunden im kleinen Rahmen.
Außer einmal: Mein Mitbewohner hat mich überredet mit zum 11 Freunde WM Quartier gegenüber zu kommen, da hab ich mir dann die 2. Halbzeit von NED-URU reingezogen. Es war schrecklich. Überall geschnatter von allen Seiten über Meetings die morgen anstehen, Freundinnen aus München, wer wo schläft, Handtaschenpreise (kein Witz), wenn dann die Zeitlupe von einer Situation kam wurde aber gekreischt als wenn man permanent mitfiebert.
“Als Deutscher musst Du für Deutschland sein. Alles andere ist irgendwie verdächtig.”
Die Ironie hab ich verstanden, trotzdem find ich dass man als Deutscher (und auch als Nicht-Deutscher ergo: als Mensch) ruhig für Deutschland sein kann. Man muss sich ja nicht so bescheuert anmalen. Aus Trotz und aus Angst ein Patriot (oder gar ein Nazi) zu sein, extra nicht für Deutschland zu halten und das mit Argumenten wie “Ich bin ja für England, weil ich die Premier League verfolge und daher alle Spieler kenne” zu rechtfertigen find ich fast genauso blöd wie den übertriebenen Patriotismus. Der Ligen-Fußball hat nichts mit Länderfußball zu tun (Meine Meinung.. deswegen kann ich auch “Rooney hat in dieser Saison 23 Tore geschossen, was ist bloß los mit ihm?” nicht mehr hören… Ich guck keine Premier League ich hab den Typen noch nie ein Tor schiessen sehen… naja) Die goldene Mitte ist wie immer das Maß der Dinge glaube ich, die Deutschen haben diesmal- unabhängig vom Ergebnis- verhältnismäßig schönen Fußball gezeigt, wenig gefoult, sympathische Ausstrahlung gehabt, das kam im Ausland positiv an, und da kann man denen ruhig die Daumen drücken dass sie’s schaffen.
Eigentlich wollt ich auch noch n Blogeintrag machen dazu.. hab ich jetzt ja gemacht hehehe.
15. Juli 2010 um 12:08
paracuda
Danke Chris, für die mal wieder umfangreiche Beteiligung an der Diskussion.
Du, ich finde es vollkommen legitim, als Deutscher für Deutschland zu sein. Ich freu mich ja auch, wenn Deutschland guten Fußball spielt. Allerdings höre ich nicht mit dem Support auf, wenn sie es mal nicht tun. Wie beim Spiel um Platz 3, wo aufm Fanfest nur noch 5.000 statt 70.000 Menschen auftauchten, weil “es ja um nichts mehr geht”. Ich gehe ja auch nicht nur zum HSV, wenn sie unter den ersten 5 stehen.
Dennoch ist WM/EM gucken für mich so, wie es nicht treffender in diesem Tweet gesagt werden konnte: https://twitter.com/kackspecht/status/18116100878
Was mir so fehlt bei der ganzen Sache ist eine gewissen Neutralität, oder sagen wir besser: Freude am Turnier. Wie Du schon sagtest: Man guckt NED – URU und alle sabbeln nur dumm in die Atemluft rein. Außer wenn ein Tor fällt. Dabei können Vorrundenspiele wie Saudi Arabien gegen Ukraine ihren Reiz haben (können…). Einfach freuen, dass Fußball gespielt wird. Aber dafür muss man sich erstmal für diesen Sport interessieren. Daher musste man bei dieser WM unterscheiden zwischen “Fußball gucken” und “Deutschland gucken”. Ich muss mich nicht anmalen, um ein Länderspiel zu gucken.
Und was das supporten “ausländischer” Teams angeht, so kann jeder seine Intention haben wie er will. Ich war auch für England, aber auch für Holland und am Ende ist Spanien Weltmeister geworden. Was noch nie passiert ist. Darüber könnte man sich auch freuen. Und dass Uruguay es so weit geschafft hat, ist doch auch großartig, weil nicht immer nur die üblichen verdächtigen unter den letzten vier standen.
So, nun muss ich aber auch mal los.
15. Juli 2010 um 13:06
Chris
ja für uruguay hab ich mich auch gefreut. ein schönes comeback nach dem sie jahre in der versenkung verschwunden waren.. ich glaub mein lieblingstor der wm war sowieso dieses hier: http://www.youtube.com/watch?v=8wbsO7utObU
15. Juli 2010 um 13:27