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Alles ist vergänglich. Druckerschwärze, Fürze und Kaffeefilter. Leider auch das Fachgeschäft. Das ist, für die jüngeren unter euch, ein Laden, in dem weniger als 300 Mitarbeiter beschäftigt. Schuster, Schreibwaren, Nischenläden – alles Geschäfte, wo man beim zweiten Besuch schon herzlich begrüßt wird und man von Profis beraten wird. Und nicht von Studenten, die bei Media Markt montags Kühlschränke und dienstags Drucker verkaufen.
Man ist heute geradezu gezwungen, bei Ketten und Kaufhäusern einzukaufen. Der letzte kleine Baumarkt bei mir um die Ecke hat schon lange dicht gemacht. Der nächst größere bzw. große (dazwischen gibt es nichts mehr), ist ein gutes Stück entfernt. Mal eben ein paar Schrauben oder Werkzeug kaufen ist da gleich mit einer Busfahrt und einem Fußmarsch verbunden.
Sowieso gibt es in meinem Viertel nicht mehr viel für den alltäglichen Gebrauch. Bars und Boutiquen, wenn ich den ganzen Tag shoppen und saufen will, bin ich hier gut aufgehoben. Fachgeschäfte, wie Hansen (the best wenn es um Schreibwaren geht) oder Radio Kölsch, haben es immer schwerer. Lieber fährt man zu Staples, da ist alles billiger und wenn man schon grad bei Media Markt ist…
Sie ist endlos, die Liste der vergänglichen Institutionen. Tradition ist heutzutage schon ein Straßenfest, das zum zweiten Mal stattfindet. Was zählt da schon ein 50-jähriges Bestehen eines Familienbetriebs. Nischen haben auch immer seltener die Chance, eine tragende Stammkundschaft zu gewinnen. Wie auch in einer Zeit, wo sich jugendliche vor den Clubs mit Supermarkt-Vodka aufwärmt und drinnen höchstens Leitungswasser säuft.
Wer morgen noch im Fachgeschäft einkaufen will,
sollte schon heute damit anfangen.
Türschild beim Hansen Büromarkt
Und so geht auch er nun dahin, der nette Besitzer dieser englischen Videothek im Grindelviertel. Dort, wo es oft Brötchen für umme gab, die vom Bäcker nebenan kamen. Wo der Teppich alt und die Filme unsortiert waren, diese es aber meist schon vor dem deutschen Kinostart gab. Der nette Brite, der sonntagabends nicht geöffnet hat und somit vielleicht auch die wichtigste Stoßzeit für Videotheken verpasste. Diese macht nun zu und man muss wieder auf World of Video oder irgendeine andere Kette zurück greifen.
Das macht mich traurig, weil hier jemand einen Traum aufgeben musste, der eine Handvoll Menschen glücklich gemacht hat. Nur nicht ihn. Nun hofft er, dass wenigstens alles verkauft wird. Wer also noch Serien im Original sucht, dort gibt es die en masse. Die Adresse und alles gibt es hier.
Ich kann nur dazu aufrufen, seine Brötchen beim Traditionsbäcker zu kaufen, auch wenn sie 10 Cent mehr kosten. Man investiert in die Zukunft und in ein bisschen mehr Hoffnung. Zudem die Scheiße von Kamps nichts mit einem guten Brot zu tun hat. Zeitschriften kann man immernoch beim Kiosk kaufen, statt alles gleich abonnieren zu müssen. Und wer will am Ende nur noch zwei sich konkurrierende Baumärkte haben? Wollen wir irgendwann nur noch bei ARAL tanken und alles andere bei Real kaufen? Wer nur aufs Geld guckt beim Einkaufen, schreit beim Ficken auch “Erster!”.

nicole
Über ‘The First’ bin ich am meisten traurig, auch wenn Du mit allem Recht hast. Aber sie war meine eigene kleine immer-da-Videothek. :(
31. August 2010 um 16:57
wallertown
Da stimme ich ein. Leider gibt es sogar in unserem Negerdorf nur noch einen Kettenbäcker.
Die Videobude ist leider ein bisschen weit weg für mich, sonst würde ich mich mal auf Einkaufstour begeben. Ich hätt so gern die “Sons of Anarchy” Box. Nix geht über Unsyncro-serien.
31. August 2010 um 17:06
Thorsten
– stimme ich zu.
(… nur schmecken die Traditionsbrötchen nicht mehr so lecker vom alteingesessenen Bäcker, seitdem die einen neuen Ofen und einen neuen “Chef” haben. Sehr schade. Nach einem halben Jahr gab ich auf! Aber irgendwie hat der Sohn nicht das Talent dafür und keiner konnte auf Nachfrage sagen, warum die Brötchen jetzt regelmäßig Steine sind. Stattdessen gar keine Brötchen mehr von niemandem gekauft ;) )
5. September 2010 um 18:50
lars
Von Deinem konkreten Videothekenbeispiel abgesehen, ist mir hier irgendwie zuviel Romantik drin. Meines Erachtens nach ist Tradition ein schönes Wort für bestimmte Brauchtümer wie Volkstänze oder bestimmte Fähigkeiten, die innerhalb einer kleinen (Volks-)Gruppe weitergegeben werden. Für Geschäfte halte ich das Wort nicht nur für unangemessen, sondern in erster Linie für gefährlich.
Ein Synomym für Tradition lautet “Gewohnheit” und genau darin liegt das größte Problem vieler Fachgeschäfte. Ging doch Jahrzehnte lang gut, also warum etwas ändern?
Beispiel Bäckerei, denn das ist ein wirklich sehr gut geeignetes: Zu meiner Kinderzeit gab es dort ein paar wenige Brötchensorten. Bereits die Eigenschaft, ob der Mehlklumpen nun mit einem Messer einschnitzt wurde oder nicht, schaffte eine zweites Produkt mit eigenem Namen (Rundstück/Schrippe). Dann noch Mohn, Sesam und ganz vielleicht eine einzelne vollkornhaltige Sorte bestimmten das Sortiment. Mittlerweile erstickt man förmlich in verschiedenen Ausführungen, Dinkel hat es von den birkenstocktragenden Reformhaus-Revoluzzern längst in die allgemeine Auslage geschafft.
Ich kann mich irren, aber soweit ich weiß, ging diese Vielfalt zu einem Großteil von neuen Bäckereiketten aus, die Alleinstellungsmerkmale suchten und natürlich brauchten. Selbiges mit den verschiedenen Kaffeekreationen, die bestimmt weitaus größere Margen bringen, als es Gebäcke jemals könnten, alleine schon vom Herstellungsaufwand her.
Und wer stirbt? In erster Linie die einzelnen Bäckereien, in denen es immer noch Schrippe, Mohn, Sesam und “das Körnerbrötchen” gibt, rübergeschoben auf der gelblichen Theke mit der Bild-Zeitung und der Hörzu daneben. Für 1,50 € noch einen “Pott Filterkaffee” dazu. Und warum sterben die? Mit Recht.
Witschaft ist Darwinsche Evolution. Die am besten an die Gegebenheiten angepassten Individuen überleben. Und solange nicht ein Mindestmaß an Reinvestition, Anpassung, Modernisierung – solange sie noch möglich ist, bleiben erst einmal die Kunden aus, wird es finanziell schwer – durchgeführt wird, gewinnen eben auf lange Sicht die anderen. Gewohnheit nützt da gar nichts, oder wie Woody Allen es passend in Worte fasste: “Tradition ist die Illusion der Permanenz”
Dass es auch anderes geht, zeigt beispielsweise “Die kleine Konditorei” in Eimsbüttel. Weit, weit von billig entfernt, aber äußerst leckere Produkte, die auch ständig um Neuigkeiten ergänzt werden, regelmäßige Modernisierung der Einrichtung.
Eine eigene Website, welche es der gesamten halbwegs jungen Zielgruppe ermöglicht, durch simple Aneinanderreihung der drei Wörter in der Suchmaschine umgehend einen kleinen Eindruck und vor allem die Adresse für eine etwaige Anfahrt zu erhalten.
Videotheken haben zweifelsohne mit ganz anderen Auswirkungen der gesellschaftlichen Veränderung zu kämpfen, aber das Internet außen vorgelassen: im Grunde hast Du doch die Gründe des Scheiterns bereits aufgezählt: kein Mut zur Veränderung, Kundenorientierung zwar persönlich (welche gerade in der Anonymität der Großstadt längst nicht immer gewünscht ist), aber nicht innerhalb der Regale, Öffnungszeiten abseits des Bedarfs. Was braucht es denn mehr, um den Laden auf lange Sicht gegen die Wand fahren zu lassen? Zeit ist zum teuersten Gut geworden, Bequemlichkeit schon immer eines der größten Antriebe der Menschheit, nach Möglichkeit Tätigkeiten zusammenzufassen und bei der Verteilung des Geldes ändern sich die Prioritäten fließend.
Stationäre Videotheken werden irgendwann aussterben. Abgesehen von der persönlichen Note: warum soll ich Zeit verschwenden, Geld für die Strecken ausgeben und unnötig Abgase in die Luft pusten, um einen Datenträger von A nach B zu bringen, der danach wieder den Rückweg von B nach A antritt? Über Downloads und Streaming fällt die Stromerzeugung zu Buche, die Kosten für den Anschluss gebe ich ohnehin schon monatlich aus. Es ist einzig Schade um die Arbeitsplätze, für den der’s mag die persönliche Note und um die optische Vielfalt der Läden. Wobei Videotheken bislang selten die Kulisse in einem sonderlich positiven Sinne zu verschönern vermochten.
Aber es entsteht auch eine neue Gattung Arbeitsplätze: unzählige Onlineshops versorgen die Käufer, die merken, dass Media Markt und vor allem auch Staples von den Prospektangeboten abgesehen Apotheken sind. Schließlich müssen sie ihre Investitions- und Unterhaltskosten in Mensch und Gebäude wieder reinholen. Arbeit wird umverteilt, das war schon immer so. Sentimentalität in Bezug auf Vergangenes bleibt. Auch das war schon immer so.
6. September 2010 um 16:47