Wie es ist, erwachsen zu sein
Wenn der Rülps nach Jackie-Cola schmeckt und die Augen ein wenig brennen, dann ist das dieser Moment, wo man anders glücklich ist als sonst. Dann, wenn man anderen Menschen beim Zeitvertreib zuschaut und das Wetter einmal nicht so beschissen ist, wie man es sonst immer bemängelt. Dann denkt man darüber nach, wo man heute ist und vor allem wo man einmal war.
Hin und wieder stellt man sich die Frage, was man besser findet: das Heute oder das Damals. Man vergleicht dann, wie unbeschwert es als Kind war, als man noch keine Verantwortung zu tragen hatte und man im Auto einschlafen konnte und trotzdem in seinem Bett schlief. Keine Frage, Kind sein hatte durchaus seine Vorteile.
Ein Gefühl hat mich damals aber begleitet, welches heute noch jede Erinnerung an damals unterstreicht. Das Gefühl von Abhängigkeit. Ich habe sie gehasst, da sie mich stets davon abhielt, mich so zu entwickeln, wie ich es damals für richtig hielt. Denn meine Eltern wussten nicht, was gerade angesagt war und wollte ich mit den Trends mitlaufen, so konnte ich das mal schön vergessen. Mein erstes Skateboard war ein Komplettboard mit rosafarbenen Plastikschrott. Der Kommentar von meiner Mutter: “Das ist doch ein richtiges Profi-Skateboard, oder?” Eine Profi-Panzerfaust wäre schöner gewesen.
Es würde mich wundern, wenn es damals Eltern gegeben hat, die ihre Kinder ernst genommen haben, wenn sie von der Schule nach Hause kamen und von ihren Mitschülern gehänselt wurden. Man nahm uns einfach nicht ernst und das machte uns oft so hilflos. Auch ich wurde gehänselt, gepiesackt und bespuckt und das nur, weil meine Klamotten einfach mega scheiße waren. Aber für uns war eben nur einkaufen bei Reno und Takko drin. Markenklamotten habe ich von meiner Schwester bekommen, wenn sie die ausgetragen hat.
Heute kaufe ich mir von meinem Geld, was ich will. Klamotten, die ich will. Lebensmittel, Möbel, Urlaub – nichts davon braucht ein Approval von Muddi. Doch jedes mal, wenn ich meine EC-Karte irgendwo einstecke oder einen braunen Schein auf den Tresen lege, weiß ich, wie befreiend es ist, niemanden dafür Rechenschaft ablegen zu müssen. Was mittlerweile selbstverständlich ist, bleibt für mich immer noch ein Luxus, den ich abends mit ins Bett nehme.
Dass man als Kind und heranwachsender Erwachsener weniger Ängste hat, ist eine Lüge. Es sind vielleicht andere, als die, dass man seine Miete nicht zahlen kann. Doch wie intensiv fühlte es sich damals an, als man verliebt war, diese Liebe als die ewige sah und dann enttäuscht wurde? Da lobe ich mir den Realismus, der einen heute anders mit solchen Situationen umgehen lässt.
Ängste waren damals ein fester Bestandteil meines Alltags. Angst, auf die Fresse zu bekommen, stand ganz oben. In die Schule konnte ich deshalb eine Zeit lang nicht gehen und auch viele Viertel und Bahnlinien waren tabu. Es gab für Jahre keinen Tag, wo ich diese Angst ablegen konnte. Hinzu kamen die Sorgen, die man sonst noch über alle anderen stellte: Zukunft, Freundschaften, Depri schieben. Dabei war meine Jugend und Kindheit eigentlich ganz normal. Okayer Durchschnitt in Hamburg-Winterhude.
Nein, erwachsen sein bedeutet, diese Ängste und Sorgen auszusortieren wie Klamotten, die man nicht einmal mehr aufbewahren möchte. So unbeschwert, wie man sich das gerne einredet, war es damals nämlich nicht. Und ich kann auch heute immer noch nicht über die Liebesbriefe von damals lachen, wie man uns das eingebläut hat. Wenn man es genau betrachtet, ist erwachsen sein wie eine Kindheit, nur dass man alles selber entscheiden kann. Wenn man Spaß haben will, geht man raus. Jedes Spielzeug ist schnell gekauft und Hausaufgaben gibt es nicht mehr. Wer will da wieder 18 sein?
Erstaunlicherweise scheinen viele Menschen von dieser Freiheit entweder nichts wissen zu wollen oder sehen sie einfach nicht. Denn zwischen den Mittzwanzigern und Dreißigern liegen nur eine Handvoll Jahre, um das richtig ausleben zu können, bis viele dann Familien gründen und die nächsten zwanzig Jahre in Kindeserziehung investieren. Das ist an sich nichts Schlimmes, doch überspitzt ist das wie 20 Jahre im Knast und dann kurz nach der Freilassung wieder rückfällig zu werden. Wie man früher seinen Eltern verpflichtet war, ist man es dann seinem Ehepartner (ein furchtbar schlimmes Wort) und seinen Kindern. Dabei frage ich mich nur eins: War die eigene Pubertät nicht schon beschissen genug?
Ich weiß nicht mehr, wer es gesagt hat. Es ist auch schon lange her. Aber der Satz war der Anfang des roten Fadens, der sich durch mein Leben ziehen soll. Wir waren betrunken und philosophierten über Gottlosigkeit und die Welt. Als ich rhetorisch fragte, wie man glücklich und unversehrt durchs Leben kommt, kam unerwartet eine Antwort: “Alles, was Du brauchst, ist ein cooles Mädchen, die jeden Scheiß mitmacht.” – check.
Wenn ich noch einmal zurück könnte, um mir die besten Dinge von damals zu holen, dann wären es meine Lieblingsschuhe, die meine Mutter entsorgt hat, weil meine Zehen schon vorne rausguckten. Alles andere bleibt Erinnerung. Die guten, so wie die schlechten Zeiten.
Hanna
Schön, wenn sich jemand darüber Gedanken macht. Got the message. -check.
26. August 2010 um 19:10