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Tag: Moderner Fußball

Freizeitnationalistische Partypartei Deutschland


Photo: AP

Ich weiß es noch genau: Vor vier Jahren, als in Deutschland voll die unerwartete Fete statt fand, hieß es quer durch die Medien, dass diese Art von Patriotismus ja gestattet sei. Zu groß ist die Euphoire, dass doch nicht, wie erwartet und befürchtet, die Nazis und Hooligans durch die Straßen ziehen und alle Gäste wieder über die Grenze prügeln (was dann aber doch irgendwie passiert ist).

Heute, vier Jahre später, wo wir nicht Gastgeberfreunde sind, da sieht es dann doch ein wenig anders aus. Da unten in diesem Afrika, da sind die Stadien leer und die Schiedsrichter sind auch doof. Die Stars spielen wie sternhagelvoll und anscheinend sind auch alle überrascht, dass Über-Teams (…) wie Frankreich und Italien schon in der Vorrunde rausgeflogen sind.

Bei so vielen Negativen wird auch immer mehr der Unmut an der hieisgen Fangemeinde laut. Zumindest werden beide Lager immer deutlicher. Die einen, die nichts mit Fußball zu tun haben, aber sich alle zwei Jahre alles schwarz-rot-gold anmalen und froh sind, wenn man andere Länder besiegt hat. Und die anderen, die einfach nur Fußball gucken wollen.

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Oh Fußball, where art thou?

Es ist ja nicht das erste Mal, dass ich über den bösen modernen Fußball jammere. Doch ich möchte hier jetzt mal erklären, warum ich keine Dauerkarte habe und trotzdem seit 17 Jahren HSV-Fan bin. Denn die Frage nach der Dauerkarte ist meist die erste Reaktionen auf meine Antwort, welcher Verein denn meiner ist. Es hat weder etwas mit Faulheit zu tun, dass ich immer seltener ins Stadion gehe, noch mit einer fehlenden Konsequenz, jedes zweite Wochenende nach Stellingen zu fahren. Es fällt mir einfach immer schwerer, mich auf den Fußball zu konzentrieren.

Am vergangenen Ostersonntag bin ich dann mal wieder hin. Freundschaftsspiel, sofern es sowas überhaupt gibt, wenn es für die einen um den Abstieg und die anderen um den Einzug in den UEFA Cup (Fuck “Europa League”!) geht. Schön früh zum Stadiongelände, beim Ultras-Picknick ein paar Bier getrunken und Nachwuchs-Ultras erklärt, wer Uwe Seeler denn nun ist. Da vorher Fahnentag angekündigt war und die Hannoveraner und die Hamburger sich ja wohl gesonnen sind, konnte man sich auf ein entspanntes Spiel bei Pils und guter Laune freuen.

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Damals, als Okocha das Tor des Jahrhunderts schoss

Wir saßen auf der Couch, tranken ein paar Bier und gingen nochmal zurück auf Anfang. Unser erstes Mal, wie aufregend und schön es doch war. Was ist bis heute geblieben und was wird nie wieder so sein wie damals, als wir unsere Jungfräulichkeit verloren. Der Fußball hat sich stark verändert und wir sind froh, dass wir unseren Anfang hatten, als alles schon zu Ende ging.

Das Volksparkstadion war hässlich. Es war weitläufig, viel zu weit vom Spielfeld entfernt und voll mit Faschos und Hooligans. Da es außerhalb lag und kaum überdacht war, zog es einfach immer. Die 64.000 Plätze waren, wenn es gut lief, gerade mal zur Hälfte gefüllt. Aber es hatte eben seinen Charme. Und so standen wir dort alle zwei Wochen, in der brennenden Sonne oder, eher Hamburg-Style, im Dauerregen.

Bequemlichkeit war nicht wichtig für uns, dafür sprach schon der Stehplatz in Block E. Nichts im Stadion sorgte dafür, dass der Besucher hier ein Rundumsorglosevent erleben sollte. Seine Wurst kaufte man sich nicht an einer von 20 Aramark-Buden, wo alles einfach gleich schmeckt. Man stand mit dreißig Besoffenen bei Maren an der Wurstbude an, wo der Tresen immer ein Stück zu hoch war und die Senfflasche immer versifft. Schmale Pappe, Scheibe Brot, Dose Bier dazu. Diese konnte man nämlich noch ohne große Probleme mit ins Stadion bringen.

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Wenn bei Karlsruhe der tote Fußball im Meer versinkt

Der Bundesgerichtshof in Karlsruhe hat heute entschieden, dass ein bloßer Verdacht auf Randale oder Gewalt ausreicht, um ein Stadionverbot auszusprechen. Dazu bedarf es nicht mal einen richterlichen Erlass, geschweige denn eine Untersuchung der Staatsanwaltschaft. Der Verein und die Polizei können ein bundesweites Stadionverbot, das auch gerne mal über mehrere Jahre gehen kann, aussprechen, obwohl man nicht mal an einer gewalttätigen Aktion beteiligt war:

Dem Urteil zufolge genügt es bereits, dass der Fan Teil einer durch Randale aufgefallenen Fangruppe war. “Auf den Nachweis, er habe sich an den aus der Gruppe begangenen Gewalttätigkeiten beteiligt, kommt es nicht an“, entschied der BGH.
Süddeutsche Zeitung

Das heißt soviel wie: Stehst Du vor dem Stadion mit einem Bier in der Hand und eine Gruppe Ultras zieht an dir vorbei und liefert sich ein Scharmützel mit der Rennleitung, kann ein schlecht gelaunter Cop dir ein bundesweites Stadionverbot erteilen, obwohl Du nur zur falschen Zeit am falschen Ort standst. Wer die Willkühr der Polizei bei Fußballspielen schonmal zu spüren bekommen hat, weiß, dass soetwas schneller geht, als neues Bier holen.

Dieses Urteil passt sehr gut in die Entwicklung in England, wo Teilnehmer von Demonstrationen mit häufigen Verkehrkontrollen rechnen müssen, weil ihre Kennzeichen auf eine Art Fahndungsliste kommen. Somit werden politisch aktive Bürger eingeschüchtert, bis am Ende keiner mehr gegen irgend etwas protestiert. Ähnliches haben die Vereine und Staatsdiener auch seit Jahren beim deutschen Fußball vor. Statt Stehplatzfans und Ultras, die im Stadion gerne mal eine Kerze anzünden, wollen sie zahlungskräftige Familien und Geschäftskunden, die im Stadion die Fresse halten und schön die Merchandise-Palette leerkaufen. Rosafarbene Schals inklusive.

Danke, Karlsruhe. Euer Urteil ist ein Urteil gegen den Fußball-Fan und eins für Werbekunden, Investoren und Polizeiwillkür. Nachdem hierzulande die Gummiknüppel gegen Metallknüppel getauscht wurden und mit Pfefferspray rumgesprüht wird wie bei Douglas mit Patschouli, da kann man sich nur noch eins fragen: Wann schießt ihr endlich?

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